Neu zusammengeschweißt…

Nach gut einem Jahr Pause meldet sich die Münchner Band „The Governors“ mit ihrer neuen Single zurück. Der Weg dorthin führte sie über Las Vegas und Frank Sinatra direkt zu ihren Fans.

Shows mit Juli, Jupiter Jones, Dexters und Panda Lux, Deutschland Tour, europaweite Auftritte, 50.000 Plays auf gängigen Plattformen – „The Governors“ blicken bereits auf einige Erfolge zurück. (Foto: Julian Wolff)

Der 9. November 2019 stand ganz im Zeichen des Erinnerns. 30 Jahre Mauerfall. 30 Jahre wachsende Verbindungen zwischen Ost und West. Und mittendrin: Das „local heroes“-Bundesfinale 2019. Der dahinterstehende Verein Aktion Musik / local heroes e.V. steht par excellence für diesen Gedanken, bringt er doch seit der Wendezeit junge Menschen aus Ost und West zusammen. Erstmals seit fünf Jahren zog das Bundesland Bayern mit ihren Landesfinalisten „Betamensch“ wieder in ein Bundesfinale ein. Schon jetzt ist für die Landesveranstalter klar: „Von ihnen wird die Musikwelt noch viel hören.“

Dass das Team mit solchen Prognosen stets richtig liegt, bewiesen sie bereits im Falle der Band „The Governors“, die 2013 ins Rennen um die „Beste Nachwuchsband Deutschlands“ gestartet war. Die Verbindung zu Christian Staab (Gitarre/Synthie), Steffen Zenglein (Bass/Gesang), Christoph Sauer (Gitarre/Gesang) und Felix Debor (Drums) blieb bestehen und so freuten sie sich gemeinsam mit den Musikern bereits 2018 über deren neue EP „Apollo“.

Rauschende Casino-Nächte

Jetzt melden sich „The Governors“ erneut zu Wort. „Bayerns beste Nachwuchsband ist erwachsen geworden“ kündigen sie dieser Tage an. Nicht ohne Grund: Schon kurz nach dem Release von „Apollo“ wurde der erste Labelvertrag unterzeichnet und die erste Deutschlandtour stand an. „The Governors“ werden außerdem als Förderkandidat der Fachstelle Pop Bayern 2019 ausgezeichnet. Viel los, könnte man meinen.

Doch dem nicht genug: Am 15. November setzte das Quartett zum nächsten Meilenstein in seiner musikalischen Laufbahn an. „Luck Be A Lady“ wurde veröffentlicht, die neue Single der vier gebürtigen Unterfranken. Was dahintersteckt, beschreiben sie selbst als „playlistenkompatibler Dancefloor-Feger für jede Indie Disco“ mit Sing-a-Long-Refrain.

Musikalisch bewegen sie sich dabei „irgendwo zwischen US-Alternative, Pop“ und natürlich besagter Indie-Disko. Recht haben sie! Denn schon nach wenigen Sekunden spitzen sich unweigerlich die Ohren. Kopf, Hände und Füße folgen dem Takt. Sich dem zu entziehen scheint beinahe ausgeschlossen.

Wem der Titel des Songs irgendwie bekannt vorkommen mag, der liegt übrigens goldrichtig. „Der Song ist benannt nach dem gleichnamigen Frank Sinatra-Song ‘Luck be a Lady‘ in dem sich Sinatra wünscht, dass das Glück im Spiel ihm treu bleibt wie seine ‘lady‘“, erklärt das Quartett. Da es in ihrer neuen Single um Gambling und Nächte im Casino gehe, habe das für sie perfekt gepasst. Warum, ist schnell erklärt: Steffen, der die Texte der Band schreibt, sei öfter an der US-amerikanischen Westküste in der Nähe von Seattle unterwegs. Dort gebe es eine große Casino-Kultur und dementsprechend habe er sich auch schon „die ein oder andere Nacht im Casino um die Ohren geschlagen“. „Der Song ist eine Hommage an diese Nächte mit absurden und lustigen Erlebnissen“, sagen „The Governors“. Wie sie hier den Bogen zu Sinatra fanden, liegt für die Musiker ebenfalls auf der Hand. „Frank Sinatra hat in den 60ern wie kein zweiter die Glücksspielhauptstadt Las Vegas geprägt und der Stadt Klasse und Coolness gegeben“, klären sie alle jene auf, an dem dieser Kultsänger tatsächlich vorübergezogen sein sollte. „Wir hatten bereits die Ehre, auf dem Frank Sinatra Boulevard in Las Vegas zu schlendern. Es musste einfach eine Erinnerung an ihn geben.“

Überraschungen in einer Waldhütte

Laut und schillernd ist diese Hollywood-Casino-Welt. Sie schweigt niemals. Umso spannender ist der Ort, an dem „The Governors“ ihre Inspiration gesucht und tatsächlich auch gefunden haben. Kurz gesagt, mehr Kontrastprogramm geht wohl kaum. Denn die Hitze der Westküste wurde getauscht mit winterlichen Minus 15 Grad in Deutschland, die Weite der Wüste einer kleinen, gemütlichen Waldhütte vorgezogen. Hier haben sie sich eingeschlossen, „um zum ersten Mal seit über einem Jahr Pause neue Musik zu schreiben“.

Anfang 2019 war das. Die kleine Hütte „mitten im Nirgendwo“ diente nur einem Zweck: Sich komplett von der Außenwelt abzuschotten, um ungestört und fokussiert an neuen Songideen zu arbeiten. Für Christian, Steffen, Christoph und Felix war das die absolut richtige Entscheidung, wie sie sagen: „Die Atmosphäre war tatsächlich so wie man es sich im ersten Moment vorstellt: Ruhig, gemütlich, urig, familiär. Alles in allem hatten wir eine grandiose Zeit!“ Dass dort dann mit „Luck Be A Lady“ eine Indie-Disco Nummer zu Stande gekommen sei, habe sie selbst etwas verwundert, gestehen sie schmunzelnd. „Wir haben daneben aber auch weitere Songs geschrieben, die es sehr wahrscheinlich auch in nächster Zeit zu hören gibt.“

Konzentration auf das Wesentliche

Aufgenommen haben sie diese natürlich nicht in der Einöde, sondern sich in die deutlich wärmeren Munich Session Studios begeben. „Es war unfassbar schön, wieder gemeinsam im Studio zu sein und neue Songs aufzunehmen“, sind sie sich einig. „Und dann auch noch direkt im Herzen Münchens.“ Die Atmosphäre, die Kreativität, das Zusammenarbeiten – da habe wirklich gepasst. „Wir hatten eine super Zeit und haben zusammen mit den Produzenten weiter unseren Plan verfolgt, Synthesizer und alles Elektronische bewusst aus den Songs zu lassen und uns, entgegen dem Trend immer elektronischer zu werden, auf die klassische Indie-Instrumentierung Gitarre, Bass und Drums konzentriert.“

Nichts kann sie trennen

Doch zurück zum 9. November. Spätestens jetzt wird deutlich, dass auch „The Governors“ für den Gedanken dieses Tages stehen – für Verbindung und Zusammenhalt – menschlich wie musikalisch. Nach ihrer Gründung 2011 und einem regelrechtem Blitzstart, wurden die Vier zunächst mit einer ganz anderen Seite konfrontiert. Studium, konstante geografische Trennung, sogar drei Jahre Pause aufgrund von Auslandsaufenthalten (2014-2017) schlugen sich auf das kreative Schaffen nieder. Bedingungen, die weiß Gott nicht jede Nachwuchsband zusammengehalten hätte. Im Fall von „The Governors“ haben diese Widrigkeiten jedoch das Gegenteil bewirkt. Statt hinzuschmeißen, arbeiteten sie in dieser schwierigen Zeit, verteilt über ganz Europa an ihrem Sound und Konzept. Statt sich auf eine Musikrichtung festzulegen, haben sie sich entschieden, einfach ihre beiden Einschläge, US-Alternative und Indie Rock, zu kombinieren. Und all das hat sie am Ende nur noch mehr zusammengeschweißt…

Alle Infos zu „The Governors“:
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Text: Nicole Oppelt

„local heroes“-Bundesfinale 2019: „Betamensch“ feiern bayerisches Comeback in Salzwedel

„Wir lieben es live zu spielen“, sagen „Betamensch“. Mehr Gründe, um bei „local heroes“ mitzumachen, braucht es nicht. (Foto: Julia Schwendner / Aktion Musik • local heroes e.V.)

Am 9. November brachten insgesamt 15 Newcomer-Acts aus ganz Deutschland beim „local heroes“-Bundesfinale die Bühne im Kulturhaus von Salzwedel zum Beben. Erstmals seit fünf Jahren war auch der Freistaat wieder mit einer Finalistenband vertreten. „Betamensch“ aus Nürnberg sorgte für einen gebührenden Neustart auf Bundesebene. Das Trio ging mit der finalen Startnummer 15 ins Rennen.

„Die Idee ‘Betamensch‘ zu gründen entstand im Sommer 2013, man munkelt es sei eine dieser bekannten ‘Schnapsideen‘ gewesen“, erinnern sich Tobias Ottenschläger, Miguel Mayorga und Johannes Pressl schmunzelnd an ihre Anfangstage zurück. Weit weniger dem Zufall überließen die Drei ihr Fortkommen im Rahmen von „local heroes 2019“. Schon im bayerischen Landesfinale Mitte Juni überzeugten die Mittelfranken Publikum und Jury gleichermaßen. Strukturiert, diszipliniert und bestens vorbereitet lieferten die jungen Musiker ihr Set auf dem „ab geht die Lutzi“-Festival – dem neuen Austragungsort von local heroes Bayern – ab. „Wir freuen uns riesig, Bayern beim Bundesfinale präsentieren zu dürfen und haben natürlich auch die Erwartung an uns selbst, dass wir das würdig machen“, so die Stimmung wenige Wochen vor dem großen Auftritt.

Was für ein „Sound-Gewitter”! „Betamensch” hinterließen in Salzwedel gewaltige musikalische Fußspuren. (Foto: Christoph Eisenmenger / Aktion Musik • local heroes e.V.)

„local heroes“ – das ist gegenseitiger Austausch

Viel wurde seither geprobt und organisiert. „Wir legen großen Wert darauf, dass unsere Songs hängen bleiben, indem wir Melodien schreiben, die wir selbst gerne mitsingen würden und allem voran, dass wir unsere Texte ehrlich verpacken und authentisch bleiben“, sinnieren sie über das, was sie als Band ausmacht und vielleicht sogar bis ganz nach vorne bringen kann. Und wie hört sich das an? In Salzwedel kam das Publikum in den Genuss das zu erleben, was im fernen Rottershausen bereits für Furore gesorgt hat.
„Die Songauswahl steht bereits und bedingt durch die kurze Spielzeit von 20 Minuten werden es quasi nur ‘Hits‘ sein. Wir haben ein paar Ideen für das Bundesfinale, mal sehen, ob wir diese umsetzen können“, prognostizierten sie wenige Wochen vor dem großen Auftritt. Und das hat funktioniert. Die Mittelfranken lieferten gegen 0.30 Uhr morgens nicht weniger als energetischen Rock, gepaart mit einer spritzigen Liveshow ab. Geradeheraus, kompromisslos und ohne Umschweife ist die Musik, dabei aber nicht ohne einen gewissen Popappeal – so geht „Aufwachen mit Betamensch!“

Nicht nur dem Trio stand dabei die Freude über die bayerische Rückkehr in den Wettbewerb ins Gesicht geschrieben. Auch das Publikum ließ sich zum Ende des Wettbewerbs noch einmal vollends fesseln. Und so floss nicht nur auf der Bühne jede Menge Schweiß, auch davor wurde gesprungen, getanzt, gesungen und gejubelt, als gebe es kein Morgen mehr. „Diese Chance haben wir nur einmal!“, rief Sänger Miguel in den Raum. Er und seine Bandkollegen haben sie definitiv genutzt. Sie haben alle Kräfte gebündelt und dem „local heroes“-Bundesfinale 2019 zu einem mehr als würdigen Abschluss verholfen.

Interview bei Howie Yagaloo. (Foto: Julia Schwendner / Aktion Musik • local heroes e.V.)

Für eine gelungene Überraschung sorgten „Betamensch“ übrigens schon einige Stunden zuvor: Gleich zu Beginn des Abends hatten sie als erste Band die Gelegenheit, sich auf der Foyerbühne des Kulturhauses vorzustellen. Dort standen sie nicht nur Howie von „Yagaloo“ Rede und Antwort, sondern präsentierten auch ihren Song „Nie mehr“ in einer Akustikversion. Ein durchaus besonderer Moment: Erst kurz vor dem Bundesfinale hatten sich die Drei überhaupt mit dem Thema „unverstärkt“ befasst. Nun gelang ihnen auf Anhieb ein Gänsehaut-Moment mit mehrstimmigem Gesang und einem Publikum, das schnell in den Song einstimmte.

„Betamensch“ habe sich „sehr gut“ geschlagen, so das Urteil von Juror und Coach David Pfeffer, der die Bayern zu seinem „Favoritenkreis“ zählte. Seiner Ansicht nach hätten sie sich „deutlich professioneller“ als manch andere Band im Teilnehmerfeld präsentiert. Die Erfahrung in Sachen Bühne und Songwriting habe man ihnen angemerkt. „Das war schon gut“, lobt er den in Salzwedel hinterlassenen Eindruck. „Betamensch bedienen ein populäres Genre mit einem relativ großen Feld an Bands. Man wird nicht so sehr davon überrascht“, ordnet er das Abschneiden von „Betamensch“ im Gesamtklassement ein. „Trotz alledem waren sie in diesem Feld handwerklich hervorragend.“ Einen speziellen Rat möchte er dem Trio nicht mit auf den Weg geben. „Sie machen das alle schon lange genug und wissen, was sie tun.“ Gerade in punkto Bühnenpräsenz habe er nicht den Eindruck gehabt, dass „Betamensch“ hier „Nachhilfe“ bräuchten.

Unplugged auf der Foyer-Bühne. (Foto: Julia Schwendner / Aktion Musik • local heroes e.V.)

Der „Ausgang“ des Bundesfinales war und ist aber gar nicht entscheidend für die Band. „Wir haben das bereits mehrmals im Landesfinale betont, wir sehen den Wettbewerb nicht als Wettbewerb, sondern als Plattform des gegenseitigen Austauschs, sowohl mit den Bands und dem Publikum als auch mit den Initiatoren und Veranstaltern. Wir fühlen uns nach wie vor super aufgehoben und haben das gesamte ‚local heroes‘ Bayern Team seit Tag Eins ins Herz geschlossen.“ Das Landesfinale sei für sie bereits das „Nonplusultra“ gewesen. „Wir haben super viele tolle Menschen kennenlernen dürfen, neue Kontakte geknüpft und auf einem super charmanten Festival mit einem grandiosen Lineup spielen dürfen. Die Teilnahme am Bundesfinale ist quasi das ‘Zuckerl‘, und wir nehmen dabei gerne mit, was kommt.“

Spagat zwischen Band, Sozialleben und Geld

Ihre Einschätzung von „local heroes“ teilt auch Projektleiterin Julia Wartmann, die das diesjährige Bundesfinale nicht nur ob des historischen Datums, dem „9. November“, unter genau jenes Motto „Begegnungen“ gestellt hat. „Betamensch“ scheinen hier par excellence für einen Gedanken zu stehen, der innerhalb des Projekts seit gut 30 Jahren gepflegt wird. Es geht um Herzblut, Leidenschaft und den Willen, etwas zu bewegen. Tobias, Miguel und Johannes beweisen das seit März dieses Jahres gemeinsam. Seither sind „Betamensch“ in dieser aktuellen Besetzung unterwegs. Nach kurzer Zeit waren sie ein eingespieltes Team, das auch menschlich „gut miteinander harmoniert“. „Die größte Herausforderung ist es für uns, den Spagat zwischen Band, Sozialleben und Geld verdienen zu schaffen“, sagen die Drei. „Das liegt daran, dass man, wenn man eine Band mit unserem kleinen Status ernsthaft betreiben und nach vorn treiben will, sehr viel Zeit und Herzblut investieren muss. Dabei muss aber trotzdem noch die Miete überwiesen werden und dafür gesorgt werden, dass im Idealfall die Freundin nicht wegläuft, auch wenn man mal wieder bei einer Supporttour quer durch Deutschland draufgezahlt hat und die Wochenenden alle mit Proben und Songwriting-Sessions belegt sind.“

Songs über eigene Gefühlswelten

Müssten sie sich selbst bewerten, wären Authentizität, gutes Songwriting und Interaktion die Aspekte, auf die sie am meisten Wert legen würden, „weil das für uns die weitestgehend stilunabhängigsten Kriterien sind“. Dass dies wohl auch ihrem Publikum am wichtigsten ist, zeigte sich nicht zuletzt am 26. April dieses Jahres – der wohl bisher größten Herausforderung in ihrer noch jungen Bandgeschichte. Damals stand der zweite EP-Release in der Astra Stube in Hamburg an. „Wir drei Bayern sind ohne große
Erwartungen nach Hamburg zu unserer EP-Releaseshow gefahren“, erinnert sich das Trio. „Letzten Endes wurden wir damit überrascht, dass viele neue und fremde Gesichter zur Show kamen und unsere Texte inbrünstig mitsangen, obwohl wir gar nicht aus der Region kommen.“ Warum ihre Inhalte auch abseits der Heimat so gut ankommen, mag viele Gründe haben. Eine mögliche Erklärung gibt es dennoch: „Wir möchten keine selbsternannten ‘Weltverbesserer‘ sein und werden das auch niemals werden, aber wir möchten mit dem, was wir tun, einige Menschen auf ihrem Weg berühren“, sagen die Drei über ihre inhaltlichen Schwerpunkte und Botschaften. „Wir verarbeiten in unseren Texten unsere eigenen Gefühlswelten. Es geht um Sachen, die wir selbst erlebt haben (Trennung, Realitätsflucht, Freunde, die abgerutscht sind), da wir diese Inhalte am ‘echtesten‘ transportieren können. Es ist ein wahnsinnig gutes Gefühl, wenn Fans schreiben, dass man ihnen durch eine schwere Zeit geholfen hat.“

Dieses Team hat sich gesucht und gefunden: „Betamensch“, das „local heroes“-Bayern-Team und „local heroes“-Projektleiterin Julia Wartmann. (Foto: Dani Red / Aktion Musik • local heroes e.V.)

Auf Authentizität kommt es an

„Betamensch“ sind ambitioniert – das wird schnell deutlich. Auf die Frage, was ein Musikprojekt heutzutage mitbringen müsste, um längerfristig zu bestehen, haben sie denn auch prompt eine Antwort parat. Zunächst sollte ihrer Meinung nach klar sein, welche Art von „Musikprojekt“ man starten möchte. Soll es ein Hobby bleiben oder hat man doch weitere Ambitionen? „Falls es doch mehr werden soll, braucht man definitiv einen langen Atem. Ein gutes Beispiel hierfür sind ‘Billy Talent‘, welche erst nach zehn Jahren, mit einem veröffentlichen Album unter altem Namen, bekannt wurden“, so Tobias, Johannes und Miguel. Ihr Rat: „Man sollte sich als ambitionierter Musiker immer vor Augen halten, dass hinter erfolgreichen Acts immer noch tausende gestrandete Musikerseelen liegen, die es nicht nach vorne geschafft haben. Was wir jedoch immer wieder merken, ist, dass ‘Authentizität‘, sei es musikalisch, im kreativen Prozess oder in der Außenwirkung, immens wichtig ist. Außerdem sorgt das zu machen, was einem am Herzen liegt, und nicht das, wovon man sich schnellen Erfolg verspricht, dafür, nicht den Spaß an der Sache zu verlieren.“

Doch es gibt durchaus Dinge, die liegen nicht in der Hand der Newcomer. Das wissen auch „Betamensch“. „Es gibt viele Hürden, weshalb viele junge Leute weniger bis keine Musik mehr machen, aber das grundlegende Problem liegt an unserer schnelllebigen Gesellschaft“, sind sie sich einig. Man bekomme das Gefühl vermittelt, dass Kunst und Kultur brotlos sei, weshalb Angebote und Fördermöglichkeiten eingeschränkt oder gar ganz gestrichen würden. Was bleibe, sei eine Gesellschaft, die versuche junge Menschen so zu formen, dass sie mit Anfang 20 beginnen würden ihre Doktorarbeit zu schreiben. „Das mag für einige gut und sinnvoll sein, aber Menschen sind und bleiben unterschiedlich, weshalb man andere Denk- und Fördermöglichkeiten ausbauen und anbieten sollte“, so ihre Überzeugung. „In Deutschland ist man getrimmt auf vermeintliche Sicherheiten, bekommt aber selten die Frage gestellt ‘was möchtest du eigentlich?‘ – unserer Meinung nach sollten folgende Punkte in Deutschland wieder einen höheren Rang bekommen: Kunst, Kultur, Gesundheit/Pflege.“

In Bayern gibt’s noch viel zu tun

Zuhause in Bayern hätten es die Musiker*innen mit einer verschärften Situation zu tun. „In der aktuellen Situation im Freistaat ist es so gut wie unmöglich Fördermöglichkeiten zu bekommen, da diese meist mit einem politischen Zweck oder gewissen Auflagen verknüpft sind“, schildern sie ihren Eindruck. „Mit Hinblick auf das Bundesfinale hatten wir diesbezüglich vor mit einer größeren Entourage anzureisen, von welchen wir die Kosten zum Teil durch Sponsoring und Fördermöglichkeiten abfangen wollten, jedoch scheint dies so gut wie unmöglich.“ Überdies sei die Proberaumsituation in Bayern miserabel, was sich auch mit dem noch prekäreren Wohnungsmarkt decke. „Diejenigen, die noch Räume anbieten, ziehen den jungen Musikern leider nur das Geld aus der Tasche. Im Gegenzug erhält man einen versifften, modrigen, kalten Raum, der dann als ‘Proberaum‘ bezeichnet wird.“

All das kann „Betamensch“ jedoch nicht von ihrer großen Leidenschaft abhalten: der Musik. Frei nach dem Motto: „Packen wir’s an!“ schreiben sie aktuell an ihrem ersten Album, welches 2020 mit neuen Shows auf die Bretter geschickt werden soll.

Doch zuvor lässt die Band den Bundesfinalabend Revue passieren: „Wir sind fertig, aber es war schön“, lautete das erste Fazit von „Betamensch“ nach dem großen Finale. Nach vielen Stunden im Kulturhaus haben sie die Anstrengungen endlich hinter sich lassen können und es „verdient zu schlafen“. „Wir freuen uns sehr für alle anderen Bands“, beglückwünschen sie ihre vielen Mitstreiter und Mitstreiterinnen aus ganz Deutschland. Die Zeit in der Hansestadt haben sie jedenfalls gut genutzt und den Netzwerk-Gedanken des Newcomer-Contests mehr als hochgehalten. Dass man in der Zukunft mit der ein oder anderen Bundesfinal-Band etwas zusammen auf die Beine stellen könnte, schließen sie jedenfalls nicht aus. „Dinge zu akzeptieren, wie sie sind. Und dass man um 0.30 Uhr auf die Bühne geht und dann auch abliefern muss“, seien für sie die wesentlichsten Dinge, die sie aus Salzwedel mitnehmen würden. „Wir haben es durchgezogen und sind schon ein wenig stolz!“ Für sie sei es unglaublich gewesen zu erleben, wie viele „geile Bands“ in einer so kurzen Zeit auf die Bühne kämen und „abliefern“ würden. „Das war beeindruckend, so etwas mitzuerleben – auch die Vorbereitungen hinter den Kulissen. Alles hat wunderbar geklappt.“

Mit den Fans zuhause in Bayern wollen „Betamensch“ auf jeden Fall noch einmal feiern – spätestens am 26. Dezember in Nürnberg…

Text: Nicole Oppelt/Lina Burghausen

„local heroes 2019“: „Mischa“ liefern ihren „besten Fight“

„Mischas“ Stil ist ehrlich: „Eine gesunde Mischung aus Rock und Pop mit selbstbewusster Frontfrau“, wie die Fünf selbst sagen. (Foto: Julia Schwendner / Aktion Musik • local heroes e.V.)

Am 9. November brachten insgesamt 15 Newcomer-Acts aus ganz Deutschland beim „local heroes“-Bundesfinale die Bühne im Kulturhaus von Salzwedel zum Beben. Mit dabei waren auch „Mischa“ aus Baden-Württemberg. Die fünf jungen Leute gingen mit Startnummer fünf ins Rennen.

Dieses „local heroes“-Bundesfinale war ein echter Kraftakt für alle Beteiligten. Das emsige Treiben hinter den Kulissen blieb den meisten Gästen des Abends verborgen. Bewusst dürfte dennoch allen gewesen sein: Viele Monate Arbeit stecken in einer solchen Veranstaltung – das gilt nicht nur für die Organisatoren. Auch die teilnehmenden Künstler*innen legten sich mächtig ins Zeug. So wie „Mischa“ aus Baden-Württemberg. Die Gewinner des Play Live-Förderprogramms ihres Bundeslandes nahmen ebenso wie ihre Mitstreiter*innen teils aufwendige Probenphasen auf sich, um sich bestmöglich auf das Bundesfinale 2019 vorzubereiten. Eine Ruhepause kurz vor dem Wettbewerbsabend gönnte sich dieses Quintett aus dem kleinen Biberach an der Riss nicht. Zehn Tage lang waren sie vor ihrem Auftritt im Kulturhaus Salzwedel nochmal in ganz Deutschland unterwegs.

Vom „Play Live” in Baden-Württemberg ging es für „Mischa” direkt ins „local heroes”-Bundesfinale. (Foto: Christoph Eisenmenger / Aktion Musik • local heroes e.V.)

Mit Bands aus ganz Deutschland in Kontakt kommen

„Reibungslos“, so erzählten sie, sei der Newcomer-Contest bis zum großen Tag des Bundesfinales für sie verlaufen. Am Ende hätten sie vor allem eines gewollt: „Kontakte zu Bands aus ganz Deutschland“ mit nach Hause nehmen. Das dürfte ihnen gelungen sein.

In Salzwedel überzeugten sie Publikum und Mitstreiter gleichermaßen mit ihrer Darbietung. „Kneipenzauber und Bühneneleganz“, wie sie die besondere Mischung ihrer Band selbst beschreiben, kommt auch fernab der Heimat hervorragend an. Kaum einer findet sich im Publikum, der auch nur eine Sekunde den Blick von Frontfrau Mischa abwenden kann. Wie ein Wirbelwind fegt sie über die Bühne, singt mit rauchiger Stimme von Liebeskummer, Hass, Heimat und Enttäuschung – was für eine „Naturgewalt“. Die junge Ausgabe von Nina Hagen? Gar nicht mal so hoch gegriffen. Und auch der Rest der Band zeigt deutlich: Hier stehen fünf Personen, die die Stars von Morgen sein könnten.

Geschafft und sichtlich gelöst! In nur 20 Minuten Spielzeit gaben „Mischa” alles. (Foto: Christoph Eisenmenger / Aktion Musik • local heroes e.V.)

„Ehrlichkeit ist uns ein großes Anliegen“, fassen die fünf Musiker*innen kurz das zusammen, was ihnen als Band am wichtigsten erscheint. „Musikalisch probieren wir viel aus und wollen uns nicht an einem Punkt festhalten, verlieren aber dabei nicht den Stil den Mischa ausmacht.“ Songwriting, Arrangement, Performance. In diesen Punkten seien sie selbst am kritischsten. Der Inhalt darf nicht hintenanstehen. In ihren Songs erzählen sie von Erlebnissen und Gedanken, die jeder kennt. „Wir wollen dem Publikum mitgeben, lieb zu sich und zueinander zu sein. Dies wird leider viel zu oft vernachlässigt, ist aber in jeder Hinsicht ein sehr großes Thema“, beschreibt das Quintett seine Botschaft.

Interview bei Howie Yagaloo. (Foto: Julia Schwendner / Aktion Musik • local heroes e.V.)

„local heroes“ gehört zu den Highlights des Jahres

Es habe schon viele schöne Ereignisse in ihrer Bandhistorie gegeben, resümieren sie. „Das Schönste zu benennen wäre gegenüber anderen Ereignissen nicht fair.“ Zu den Highlights in diesem Jahr hätten jedoch unbedingt der eigene EP-Release „Räubertochter“, ein Gig auf dem Southside Festival, das Pop Camp und natürlich „local heroes“ gehört. „Die größte Herausforderung ist es, zwischen Auftritten neue Songs zu schreiben. Die Balance wird jedoch immer besser. Tauchen neue Herausforderungen auf, werden diese gemeinsam besprochen und bewältigt“, sind Martin, Yannick, Alex, Julius und Mimi, die einst „durch glückliche Zufälle zueinander gefunden“ haben, überzeugt.

Unplugged auf der Foyer-Bühne. (Foto: Dani Red / Aktion Musik • local heroes e.V.)

„Mischa“ kommt viel herum. Dass sie im Süden Deutschlands zuhause sind, scheint dabei von Vorteil zu sein. „Wir machen in Baden-Württemberg immerzu schöne Erfahrungen in Sachen Newcomer-Förderung“, freuen sie sich über Unterstützung in ihrer Heimatregion. Für einen Newcomer sei es aber wahnsinnig schwer, an Auftritte in anderen Bundesländern heranzukommen. „Dabei würden wir uns eine Unterstützung wünschen.“

„Mischa“ packen es jedenfalls an. Und so können sie auch ihre Zukunftspläne mit einem kurzen, aber dennoch weitreichenden Satz benennen: „Gigs, Gigs, Gigs. Schöne Tour und viele neue Songs!“

Text: Nicole Oppelt/Lina Burghausen

„local heroes“-Bundesfinale 2019: „Mother“ wollen nichts als Rock!

„Es war ein harter Kampf mit einer noch härteren Anreise“, so das „local heroes“-Fazit von „Mother“. (Foto: Julia Schwendner / Aktion Musik • local heroes e.V.)

Am 9. November brachten insgesamt 15 Newcomer-Acts aus ganz Deutschland beim „local heroes“-Bundesfinale die Bühne im Kulturhaus von Salzwedel zum Beben. Mit dabei waren auch die Landesfinalisten aus dem Saarland „Mother“. Die vier Musiker aus Saarbrücken gingen mit der vorletzten Startnummer 14 ins Rennen.

„Behauptet man, Mother sei wie der Phönix aus der Asche aufgestiegen, beschreibt man ziemlich gut, wie wir uns teilweise gefühlt haben. Als wir erfuhren, dass unser Gitarrist die Band verlassen wollte, waren wir echt nicht sicher, ob wir jemals einen geeigneten Ersatz finden werden“, erinnern sich Dominic, Benjamin, Max und Juan an ihre Anfangszeit zurück. „Nicht nur war sein Stil einzigartig, sein musikalischer Einfluss auf die Band war unverkennbar und allgemein war er auch einfach einer der besten Gitarristen der Region. Als ihnen Produzent Dave dann von „JP“ erzählte, habe sich die Verzweiflung schnell in Motivation verwandelt. „Wir wollten diesen Typen unbedingt in der Band, immerhin hat er 17 Jahre in einer Ska-Band in Kolumbien gespielt und hat einen f*ing Master in Gitarre.“ In neuer Besetzung meldeten sie sich quasi direkt beim ‚Battle of the Bands‘ in Saarland an. Und es hat funktioniert: „Wir sind unheimlich stolz, das Saarland vertreten zu dürfen!“

Mit ihrer „mitreißenden Performance, Songs mit Ohrwurm-Garantie und grandiosen Gitarren-Soli“ überzeugten „Mother“ nicht nur im Saarland, sondern auch in Salzwedel. (Foto: Dani Red / Aktion Musik • local heroes e.V.)

Auf der Bühne des Kulturhauses von Salzwedel stellten sie schließlich erneut unter Beweis, wie gut sie in der aktuellen Besetzung harmonieren. Energiegeladene Gitarrenriffs, dazu die hervorstechende Stimme von Frontmann Benjamin – „Mother“ beherrschten die Bühne und zeigten mit einem einwandfreien Auftritt, dass sie sich den Platz im Bundesfinale mehr als verdient hatten. „Follow me to the other side“, sang Benjamin in einem ihrer Songs – einer Aufforderung, der wohl viele Anwesende gerne folgen, wenn es auf besagter anderer Seite so rockig zugeht.

„Rock lebt, und wir sind seine Jünger“

„Es muss hart und tight sein. Und gut. Und Rock! Denn wir lieben harte, gute Musik und haben ein brennendes Verlangen nach Rock“, beschreiben „Mother“ das, worauf es ihnen musikalisch am meisten ankommt. Denn Rock birgt ungeahnten inhaltlichen Spielraum: „Die Texte bewegen sich von griechischer Mythologie mit Allegorien über väterliche Verlassensängste bis hin zu politischen Texten ohne Gnade. Manchmal aber auch Frauen, Bier und Drogen. Wir legen uns da nicht so gerne fest“, erzählen sie schmunzelnd. Ernster nehmen sie da schon ihre Teilnahme bei „local heroes“. „Rock lebt, und wir sind seine Jünger. Wir wollen allen zeigen, dass Rock nach ganz oben gehört“, fassen sie ihre Intention prägnant zusammen. Den Newcomer-Contest haben sie bis zum Bundesfinale in Salzwedel äußerst positiv erlebt. „Der Support unter den teilnehmenden Bands, auch nach dem Landesfinale, war unfassbar. Wir sind extrem froh, in so einer lebendigen Szene Musik zu machen“. Als Letztplatzierte seien sie ins Halbfinale gekommen, hätten sich ganz nach vorne gekämpft und letztendlich das Landesfinale gewonnen. „Wir hoffen natürlich, dass wir gewinnen. Und falls am Ende einer mit einem Mother-Shirt heim geht, sind wir auch schon glücklich“, verrieten sie noch vor der Entscheidung.

Interview bei Howie Yagaloo. (Foto: Dani Red / Aktion Musik • local heroes e.V.)

Rock gehört an die Spitze der „Musiknahrungskette“

„Wir wurden dieses Jahr vom PopRat Saarland e.V. empfohlen, um auf dem ‚Rocco del Schlacko‘ zu spielen. Wir haben uns gegen 28 regionale Bands behaupten können und uns den Platz geschnappt. Und auf demselben Festival zu spielen wie ‚Die Toten Hosen‘, ‚Fanta 4‘ und ‚Bullet for My Valentine‘ war schon geil“, berichten sie von einem Highlight in 2019. Und wie sehen ihre nächsten Zukunftspläne aus? „Wir wollen versuchen uns auszubreiten, unsere Musik an mehr Leute zu bringen und den Rock wieder an die Spitze der Musiknahrungskette zu bringen.“ Um das zu erreichen, brauche es Kraft und Motivation. „Man muss seine Grenzen und seine Ziele genau kennen.“ Natürlich sollte man sich auch musikalisch von der Szene, in der man sich bewege, unterscheiden, um nicht in den Einheitsbrei zu verfallen. Auch das Thema Qualität dürfe nicht außer Acht gelassen werden. Natürlich sei es besser, schlechte Aufnahmen zu haben als keine. Allerdings sollte man dann auch nicht erwarten, dass irgendjemand einen für professionell hält. Das sei zwar traurig, aber leider wahr. „Wir reden vor allem offen miteinander über alles was die Band betrifft, ansonsten stecken wir unsere kompletten geistigen Fähigkeiten da rein, den inneren Schweinehund zu bekämpfen. Er ist allerdings recht stark und groß…“

„Zum Glück gibt es Vereine wie die ‚local heroes‘, die Wert auf Liveperformance legen“, freuen sich „Mother“. (Foto: Dani Red / Aktion Musik • local heroes e.V.)

„Der Traumjob Musiker ist ohne ‘richtigen‘ Job kaum noch möglich“

Dass es aber nicht nur in den Händen von jungen Musiker*innen liegt, ob diese vorankommen, ist „Mother“ definitiv bewusst. Leider fehle es oft an Geld und qualifizierten ‘Entscheidern‘. Große Teile der Förderung für neue Bands, sei es durch Gigs, Wettbewerbe, oder allgemeine Unterstützung in Sachen Networking, kämen von privaten Vereinen. „Wir haben im Saarland zum Beispiel das Musikbüro, das auch das Saarländische ‚Battle of the Bands‘ organisiert hat, oder den PopRat, der versucht, saarländischen Newcomer-Bands durch Kontakte zu großen Festivals unter die Arme zu greifen.“ Natürlich täten diese beiden Vereine mehr als das. Bei der Politik sehe es da jedoch anders aus: „Falls Geld in Kultur investiert wird, hat man vor allem als Rockband kaum eine Chance auf Unterstützung“, so ihre persönliche Einschätzung.

Unplugged auf der Foyer-Bühne. (Foto: Dani Red / Aktion Musik • local heroes e.V.)

„Das Ganze wäre ja auch kein Problem, wenn Veranstalter Bands nicht als nötiges Übel sehen würden. ‘Klar hätten wir gerne die beste Band der Stadt, aber bezahlen geht gar nicht!‘, liest man leider zu oft zwischen den Zeilen.“ Auch hier könnte ihrer Ansicht nach die Politik eingreifen und Veranstalter insofern unterstützen, als dass jeder auf seine Kosten käme. Immerhin sorge diese Sicht auf die Dinge dafür, dass Newcomer „nehmen was kommt“ und sich damit die Message „Musiker sind froh spielen zu dürfen“ immer mehr in den Köpfen der Veranstalter festsetze. „Die Arbeit dahinter wird kaum noch geschätzt, die Liebe zur Musik wird als Selbstverständlichkeit gesehen und der Traumjob Musiker ist ohne ‘richtigen‘ Job kaum noch möglich.“

Text: Nicole Oppelt/Lina Burghausen

„local heroes“-Bundesfinale 2019: „Feathers and Greed“ überzeugen mit Liebe zum Detail

Percussions, Gitarren, Cello und mehrstimmiger Gesang: „Feathers and Greed“ lieferten eine der außergewöhnlichsten Shows in der „local heroes“-Geschichte. (Foto: Julia Schwendner / Aktion Musik • local heroes e.V.)

Am 9. November brachten insgesamt 15 Newcomer-Acts aus ganz Deutschland beim „local heroes“-Bundesfinale die Bühne im Kulturhaus von Salzwedel zum Beben. Mit dabei waren auch die Landesfinalisten aus Niedersachsen „Feathers and Greed“. Die sechs jungen Leute aus Hannover, die mit Startnummer neun ins Rennen gingen, begeisterten Jury und Publikum: Die Jury ehrte die Band mit Platz zwei, das Publikum überließ ihnen die Bronzemedaille des Abends, den dritten Platz.

Voller Erfolg in Salzwedel: Die Jury wählte „Feathers and Greed” auf den zweiten Platz im Gesamtklassement. (Foto: Christoph Eisenmenger / Aktion Musik • local heroes e.V.)

„Local heroes haben wir mit Spaß, langem Warten und kurzen Um-/Auf- und Soundcheckzeiten erlebt“, schmunzeln Marek, Jacob, René, Luca, Matthias und Lukas. Das Sextett aus Hannover gewann den Sixpack-Bandcontest 2018 und schaffte es so über das Landesfinale Niedersachsen bis ins „local heroes“-Bundesfinale 2019. Die Erwartungen an Deutschlands traditionsreichsten Newcomer-Contest sind groß. „Die Teilnahme am Contest hilft uns hoffentlich etwas Aufmerksamkeit für unsere erste Platte zu bekommen und vielleicht springen auch einige Leute auf unseren Zug auf“, erzählten sie vor ihrem Gang auf die große Bühne im Kulturhaus von Salzwedel.

Und „Feathers and Greed“ nutzten die Gelegenheit. Im Vorfeld ihres Auftritts wurde intensiv geprobt und Fans „zusammengetrommelt“. Mit Erfolg: Nicht nur die Hannoveraner Fangemeinde, die die Band nach Salzwedel begleitete, war sichtlich angetan von der außergewöhnlichen Performance des Sextetts. Mit mysteriöser Gesichtsbemalung und einer so bei local heroes noch nie dagewesenen Instrumentalbesetzung hatten die Musiker das Publikum von der ersten Sekunde an fest im Griff.

Ungewöhnlich und weit vom Mainstream entfernten Akustik-Rock präsentierten „Feathers and Greed“ im Kulturhaus von Salzwedel. (Foto: Christoph Eisenmenger / Aktion Musik • local heroes e.V.)

„Tendenz zu Misanthropie und Wahnsinn“

„Anstelle eines Drumsets gibt es bei uns Percussion in Form von Djembé, Darbuka, Becken und Shaker. Neben einer Western-Gitarre gibt es auch ein Cello und drei von uns singen“, erklären sie ihre ungewöhnliche Aufstellung. „Alleinstellungsmerkmal ist dann wohl die E-Gitarre“, so „Feathers and Greed“ schmunzelnd über ihren musikalischen Stil, den sie selbst als „Artrock“ bezeichnen. „Der Inhalt unserer Musik hat eine Tendenz zu Misanthropie und Wahnsinn. Ansonsten gibt es auch immer individuellen Interpretationsspielraum, es ist nichts eindeutig in Stein gemeißelt.“ Doch es gibt auch Aspekte, über die verhandeln die sechs jungen Leute nicht: „Bei unserer Musik ist uns vor allem wichtig: Liebe zum Detail, Groove, Dynamik, Spannung, Authentizität und Gemeinschaft in der Band.“ Entsprechend setzen sie auch an sich selbst anspruchsvolle Kriterien wie Originalität, Musikalität, Zusammenspiel, Groove und Inhalt an. Und die kamen auch bei ihrer Bundesfinal-Show gut an: Stimmungsvoll und psychedelisch wirkte ihr mehrstimmiger Gesang, getragen von wehmütigen Celloklängen, rhythmischen Gitarren und Percussions. Die Band verlor nicht viele Worte zwischen den Songs, sondern überzeugte allein mit ihrer Musik – und die Zuschauer*innen im Kulturhaus Salzwedel dankten es den sechs Musikern mit tosendem Applaus.

Interview bei Howie Yagaloo. (Foto: Julia Schwendner / Aktion Musik • local heroes e.V.)

„Feathers and Greed“ setzen auf den Glücksfaktor

Dabei hatten „Feathers and Greed“ einst klein angefangen: Zu zweit begannen die beiden Cousins Luca und Marek einst Musik zu machen. Doch Gitarre und Gesang schien einfach nicht genug zu sein. „Eine Band mit mehreren Instrumenten war immer der Plan. Nun sind wir schon sechs Leute“, blicken sie zurück. Ob da noch „Luft nach oben“ ist? Vielleicht. Im Augenblick scheinen die Musiker jedenfalls zufrieden. „Erfolgreiche Bandprojekte haben heutzutage entweder ein großes Label, einen großen Förderer im Rücken oder Risikobereitschaft und auch Glück. Große Marken und Labels interessieren uns nicht sonderlich, deshalb setzen wir bislang eher auf den Glücksfaktor“, beschreiben sie ihre momentanen Bestrebungen. Und für diesen Weg haben sie sich wohl ganz bewusst entschieden. „Firmen der Musikbranche suchen häufig nicht die Kunst, sondern das Geld. Für erfolgreiche Musik gibt es Formeln, die angewendet werden. Politik und Wirtschaft tragen an dieser Stelle sicher nicht wenig dazu bei“, kritisieren sie die ihrer Meinung nach existierenden momentanen Hürden für den musikalischen Nachwuchs in Deutschland.

Unplugged auf der Foyer-Bühne. (Foto: Julia Schwendner / Aktion Musik • local heroes e.V.)

Sie nehmen die Sache daher lieber selbst in die Hand. „Die nahe Zukunft besteht bei uns daraus, unsere Platte rauszubringen und zu vertreiben, Konzerte zu spielen, ein Live-Video aufzunehmen und uns um neues Songmaterial kümmern.“ Ihre Gewinne als Preisträger von „local heroes“ dürften ihnen da definitiv gelegen kommen: Für den zweiten Preis in der Jurywertung erhält die Band einen Gutschein für einen Albumrelease, gestiftet von recordJet. Ihr dritter Platz im Publikumsvotum wurde mit einem 200-Euro-Gutschein von Thomann belohnt.

„Local heroes“-Geschäftsführerin Julia Wartmann freut sich ganz besonders über das gute Abschneiden von „Feathers and Greed“: „Über viele Jahre gewann Niedersachsen den Publikumspreis, aber für die Jury hat es aus verschiedenen Gründen nie gereicht. In diesem Jahr sind sie unter die Top 3 gekommen. Nicht nur für die Band, sondern auch für die Veranstalter*innen in Niedersachsen freue ich mich sehr. Sie haben eine ganz phänomenale und außergewöhnliche Band ins Rennen geschickt.“ Nicht nur in Hannover dürfte man von dieser Band wohl noch Hören.

Text: Nicole Oppelt/Lina Burghausen