Archiv für Juli 2016

Mit der Musik gegen den Strom

National trifft regional – kein Motto kann das „… und ab geht die Lutzi“ in Rottershausen wohl besser beschreiben. Stars und Newcomer geben sich hier die Mikros in die Hand. Auch 2016 gab es wieder jede Menge spannende Begegnungen. Wir haben nicht nur Szenegrößen wie die „Donots“ getroffen, sondern auch nachgefragt, was den musikalischen Nachwuchs bewegt. „Blunaa“ zum Beispiel ist eine junge, engagierte Band aus dem Raum Kitzingen, die schon jetzt einiges zu berichten haben.

Blunaa auf der Lutzi 2016 (Foto: Stefan Wolbert)

Wir haben die Jungs hinter der „Lutzi“-Mainstage getroffen. Obschon es erst ihr vierter Auftritt überhaupt war, gaben sie sich in Anbetracht von insgesamt rund 6000 Festivalbesuchern absolut souverän. Und machten vor allem Lust auf mehr.

„Mainstream? Nein Danke!“, so lässt sich ihre musikalische Richtung wohl am besten beschreiben. Das Quartett greift in seinen Titeln Begebenheit aus ihrer Umgebung auf. Ihnen ist wichtig: „Wir verfolgen einen eigenen Stil und ziehen unser Ding durch.“ In einen Namen fassen können sie das Ganze allerdings noch nicht.

Wie es ist, nicht mit der Masse, sondern gegen den Strom zu schwimmen, das erfahrt Ihr hier in diesem Interview. … das übrigens ihr allererstes war. Viel Spaß beim Reinhören!

Alle Infos zu Blunaa bekommt Ihr hier:
www.facebook.com/Blunaa.band
www.soundcloud.com/blunaa_punkrock

Und hier gibt’s nochmal ein live Video von Blunaa:

„… Mama macht das schon…!“

Beim siebten „… und ab geht die Lutzi“-Festival in Rottershausen trafen wir die „Illustrators“, eine aufstrebende und erfolgsorientierte Band, die in den Probenräumen der Musikinitiative Hammelburg e.V. zuhause ist.

Inmitten der gemütlichen Campingatmosphäre, direkt zwischen den Zelten der Festivalbesucher, führten wir ein aufschlussreiches Interview über die Entstehung der Band, ihre gegenwärtige Situation, bis hin zu zukünftigen Plänen des sympathischen Quartetts.
Was Lukas, Marcel, Maxi und Marius aus dem „Nähkästchen“ erzählt haben, das seht Ihr im nachfolgenden Video.

Alle Infos zu den Illustrators bekommt Ihr hier:
www.facebook.com/illustrators.music
www.soundcloud.com/illustratorsmusic

Und hier gibt’s nochmal ein live Video von den Illustrators:

Meeting mit den „Un-Rockstars“

Die „Donots“ haben das „… und ab geht die Lutzi“-Festival 2016 zum Beben gebracht. Im Gespräch mit uns geben sie sich „handzahm“ – aber mit Pfiff.

Donots (Foto: Pressematerial)

Schon Monate vor ihrem Auftritt schlug der Puls der Rottershäuser Party-Crew merklich höher. Niemand Geringeres, als die „Donots“ höchstpersönlich sollten die Headliner des siebten „Lutzi“-Festivals sein. Nicht nur für die Organisatoren erfüllte sich damit ein echter Traum. Wir haben die Kultband vor ihrem Auftritt am späten Samstagabend getroffen. In gemütlicher Runde berichteten sie uns von ihren ersten „Lutzi“-Eindrücken, warum sie seit einem Jahr auch Musik mit deutschen Texten machen und was sie überhaupt vom „Rockstar-Dasein“ halten.

Ihr habt gerade einen krassen Szenenwechsel hinter Euch. Letztes Wochenende „Rock am Ring“. Jetzt seid Ihr hier auf einem ungleich kleinerem Event. Warum sind es Eurer Ansicht nach aber genau jene Veranstaltungen, die von Ehrenamtlichen binnen Jahren aus dem Boden gestampft werden, die so unentbehrlich für unsere Musiklandschaft sind.

Ingo: Total! Heute war es so. Jeder ist einzeln aus dem Bus raus gekommen und ich habe immer gehört, wenn die dann reinkamen zum Essen: „Wow ist das geil hier!“ Total schön gemacht, man merkt, alle sind am Start, alle haben Spaß dabei. Und man spürt dann wirklich, was für ein „Vibe“ über so einem Gelände liegt. Und das ist schon mega geil.

Guido: Und das ist gerade schön. Das hier ist schon im positiven Sinne „zusammengenagelt“. Hier eine kleine Hütte, da noch was. Am Ring ist das alles höchst professionell mit dem entsprechenden Gefühl. Hier ist alles irgendwie wärmer und echter.

J.D.: Das sind ja auch zwei verschiedene paar Schuhe, aber zu jeder Gelegenheit passen die halt. Ich finde so etwas total geil. Das ist ein super Gelände. Hier sieht alles total nett aus, alles ist mit Liebe gemacht. Das sieht man auch an den Kleinigkeiten. Und trotzdem ist es professionell. Die Bühne ist geil und wir haben tierisch Bock auf heute Abend.

Donots live auf der Lutzi 2016 (Foto: Lukas Veth)

Im Vorfeld haben mir die Organisatoren gestanden, dass sie sich mit Euch einen Traum erfüllt hätten. Ihr seid tatsächlich die größte Band, die sie bisher gebucht haben. Was zeichnet denn für Euch ein gutes Festival aus?

Ingo: Naja, das kommt ein bisschen darauf an, was du möchtest. Wenn du so ein Festival wie „Rock am Ring“ spielst, dann ist das natürlich beeindruckend. Dann hast du 80 bis 100.000 Leute vor der Bühne stehen, die durchdrehen wie „Schmitz Katze“ und du hast riesengroße Bands, mit denen du zusammen spielst. Das macht es auch für einen selbst interessant. Aber auf der anderen Seite sind diese Festivals natürlich ungleich anonymer von dem Ganzen, was so hinter den Kulissen passiert. Und wenn du dir hier so etwas anschaust, dann ist der absolute Glücksfall eben der, wie vorhin. Du kommst aus dem Bus und siehst schon die ganze Hier sind alle bemüht. Es wird sich wirklich Gedanken gemacht um Kleinigkeiten. Und zwar, so dass man sich wirklich willkommen fühlt. Man hat ganz klare Ansprechpartner. Und vor allen Dingen hast du einfach auch Leute, die tierisch Bock darauf haben, sich dann auch die Bands auch anzuschauen.

Guido: Gut war auch, als einer von den Veranstaltern zu mir kam und meinte: „Ey Guido, geil dass ihr da seid. Ich hab ’nen mega Kater von gestern!“

J.D.: Ich finde das immer geil, dass man bei so kleineren Festivals so eine Gemeinsamkeit hat. Man will dann auch den Leuten eine geile Zeit bereiten.

Ingo: Alle freuen sich wirklich auf das, was da passiert.

J.D.: Alle sind aufgeregt. Das ist am „Ring“ natürlich nicht so. Okay, wegen des Wetters vielleicht noch, aber alles andere ist seit Jahren Standard. Da triffst du ja auch nicht großartig Leute, mit denen du privat „schnackst“. Das ist sicherlich etwas ganz anderes.

Ingo: Ich habe mal so Anfang/Mitte der 90er in Ibbenbüren das Booking in einem Jugendzentrum gemacht. Und da sind eigentlich auch sämtliche Shows nur mit Ehrenamtlichen bestückt gewesen. Von daher weiß ich sehr um das Engagement, das da dahinter steckt und dieses Herzblut. Egal, was für eine Konzertgröße du aufziehen willst, als Veranstalter kannst du eigentlich nichts Besseres auf deiner Seite haben, als Leute, die Bock haben, dich dabei zu unterstützen. Den Leuten geht es dabei definitiv nicht ums Geld. Die ziehen alle an einem Strang und wollen eine schöne Zeit zusammen erleben. Das kannst du dir eben nicht kaufen.

Ihr lebt Euren Traum seit über 20 Jahren und habt das Privileg, dass Ihr eigentlich nur eurem Hobby frönen dürft. Wie ist es denn so, ein Rockstar zu sein? Was ist das überhaupt, wenn es den denn so gibt? Und wie seht Ihr euch eigentlich selbst?

Ingo: Man sagt uns ja eher nach, wir wären die Un-Rockstars.

Na aber Ihr seid ja schon eine „Hausmarke“…

Ingo: Ja, aber da machen wir uns gar nicht so viele Gedanken drum. Der Rockstar ist für mich eigentlich eher so ein bisschen „arschloch-mäßig“ konnotiert.

Alex: Stell dir vor, wir spielen um 23 Uhr und kommen aber erst um halb elf hierher. Und interessieren uns gar nicht so dafür, was hier wirklich so an Stimmung ist. Das machen wir nicht. Für uns ist es auch nach über 20 Jahren eigentlich mit Teil des Spaßes dann hier zu sein, um zu sehen, was läuft denn hier eigentlich so, was für Leute laufen rum, wie ist das alles aufgebaut und und und… sonst kriegst du gar kein Gefühl dazu. Anders wäre es ein anonymes Abliefern. Ganz merkwürdig wäre das.

Ingo: Also wenn eigentlich das Festival austauschbar ist und eigentlich auch deine Show austauschbar ist. Ich finde das ganz fürchterlich. Ich nenne das immer „Hollywood-Metal“, wenn die typischen US-Radio-Rockgrößen ihre Show spielen und genau an jeder Stelle die gleiche verdammte Ansage jeden Abend kommt, also alles komplett getimed ist, dass dann die Person an der Stelle auf der Bühne stehen muss. Also wenn das eher so eine Art Theaterchoreografie oder so etwas ist. Das ist überhaupt nicht der Anspruch, den wir an Musik oder an den Auftritt haben. Eher im Gegenteil.

J.D: Ich hätte da ein schönes Beispiel – ohne den Bandnamen zu nennen. Wir haben auf so einem Festival mal wieder mittags rumgehangen, uns die Leute angeguckt und dann fing die Tourmanagerin der besagten Band an schon seit, ich glaub mittags, deren gesamtes Backstagezelt umzudekorieren. Sie hat alles umgestellt, der Kühlschrank musste dahin, die Stereoanlage dahin, die hat da stundenlang malocht… und dann irgendwann war sie fertig, wirklich nach Stunden! Da saßen wir dann hier in unserem „Kackzelt“ und haben uns gewundert, wann denn jetzt diese Band kommt. Und die kam und kam und kam nicht. Und dann sind die wirklich eine Viertelstunde vor Auftritt gekommen, an ihrem Backstage, dem schönen umgebauten, stundenlang umgebauten, vorbei auf die Bühne und nach dem Auftritt auch genau so wieder vorbei, haben das Zelt nicht eines Blickes gewürdigt, in den Bus und wieder nach Hause gefahren… ja und dann fing die an das Ganze wieder abzubauen.

Ingo: „Also falsch dekoriert.“ Aber um nochmal zu deiner Frage zurück zu kommen. Wir werden damit gar nicht so konfrontiert. Ich glaube, das hängt immer damit zusammen, was strahlt man selber ausstrahlt und was spiegelt man wider. Das kann man ja auch wollen, dass man so ein bisschen unnahbar und Rockstar mäßig ist. Wir finden es eigentlich immer schön, wenn wir die Leute immer so treffen.

Donots im Interview mit RE ON TOUR. (Foto: RE ON TOUR)

Apropos Image. In Artikeln werden immer wieder die gleichen Titel von Euch genannt mit denen Euch die Leute vermeintlich assoziieren.

Ingo: Da hat man sowieso gar keinen großen Einfluss drauf bzw. wir geben uns so wie wir uns geben und wenn das das ist, was weitergetragen wird von den Leuten, dann ist das auch in Ordnung. Mir ist das ehrlich gesagt ziemlich „wumpe“. Ich habe einfach Bock mit den Jungs unterwegs zu sein, mit einer netten Crew unterwegs zu sein, nette Leute zu treffen.

Gegenüber einem Kollegen von „DerWesten“ hast du vor Kurzem sehr gut gekontert. Der hat die leidige Frage gestellt, ob man nach so vielen Jahren nicht der ganze Sache müde wäre. Du hast geantwortet: „Wir wachen doch grade erst auf, wir fangen doch jetzt erst an.“ Ist das schon ein kleiner Hinweis auf das, was noch kommen könnte?

Ingo: Naja, wir sind natürlich schon dabei, an neuen Songs zu arbeiten. Aber es fühlt sich natürlich trotzdem noch so an, als dass die „Karacho“ noch sehr sehr frisch ist. Und irgendwie jetzt auch in dieser Festival-Saison natürlich dann hoffentlich komplett bei den Leuten angekommen ist. Wir touren jetzt auf jeden Fall noch zu Ende, wir schrauben aber auch schon wieder fleißig an neuen Songs. Wir geben uns aber natürlich auch alle Zeit der Welt.
Es muss ja irgendwie auch weitergehen, weil zurücklehnen war ja auch nie unser Ding…(lacht) wobei der Bandname „Donots“ ja etwas anderes suggerieren würde.

Wollen wir nochmal kurz beim Thema „Deutsch“ bleiben. Die Platte ist tatsächlich eine Zäsur. Denn in seiner Muttersprache zieht man sich schon ein bisschen mehr aus. Wie kam es zu der Entscheidung und wie fühlt ihr Euch jetzt nach einem Jahr damit?

Ingo: Die Entscheidung ist, wie so oft, einfach im Laufe der Zeit gefallen. Wenn uns etwas Bock macht, dann machen wir das, dann verfolgen wir das. Wir machen keine Auftragsarbeiten. Das hat noch nie geklappt, das wird auch wahrscheinlich nie so richtig klappen. Und wenn es sich in einem Moment richtig anfühlt, dann machen wir das einfach. Denn dann ist es auch authentisch. Wenn uns jemand vor Jahren gesagt hätte, macht mal eine deutsche Platte… da haben wir uns einfach wohl gefühlt mit dem Englisch… jetzt gerade macht es unfassbaren Bock. Du hast schon recht, man macht sich da schon echt nackig. Das ist schon etwas ganz anderes. Aber auch da macht man sich selbst, glaube ich, dann mehr Druck.
Von der Fanperspektive aus ist es natürlich schon eine krasse Zäsur. Für uns selbst ist es anders. Dadurch ist das Songwriting wieder ein bisschen aufgebrochen und es ist wieder so ein bisschen frische Luft im Proberaum. Du weißt einfach nach 20 Jahren schon welche Knöpfe du drücken musst, damit unten aus der Maschine ein Song rauskommt. Das hält halt einfach alles frisch. Wenn du solche Sachen mal irgendwie probierst und dich neuen Herausforderungen stellst. Und ich habe mir dann, glaube ich, echt auch ultra viel Druck gemacht, weil ich eigentlich deutsche Musik zum größten Teil richtig beschissen finde (lacht).

Du hast Dich im Vorfeld ein bisschen „desensibilisiert“, oder?

Ingo: Ja quasi. Ich werde oft damit zitiert, ich hätte meinen „Shit-Detektor“ an. Ich habe mir in der Tat auch einfach vieles angehört, also auch viele Sachen, die ich einfach nicht mag.
Aber das ist trotzdem auch wichtig zu wissen, weil genauso wichtig zu wissen, was du willst, ist auch zu wissen, was du nicht willst. Ganz besonders bei deutscher Sprache, weil die kann ganz schnell richtig eklig werden.
Für mich gibt es da einen Maßstab: Würde ich rot werden, wenn ich meine Texte den paar deutschen Künstlern, die ich wirklich gut finde, vorspiele. Oder würde ich denken, das geht schon klar.

Wem hättest du es denn gerne vorgespielt?

Ingo: Vornehmlich alten Deutschpunk Helden. Ich finde die Schreibe von Markus Wiebusch super, unser Freund Nagel von Muff Potter ist auch super. Früher die Toten Hosen, Die Ärzte und so etwas, das sind Sachen, mit denen man groß geworden ist.

Mal schauen, vielleicht lässt sich da ja mal ein Meeting arrangieren…

Ingo: (lacht) Vielleicht.

Happy Birthday, local heroes!

Am Anfang war es nur eine Plattform für eine Region. Mittlerweile ist local heroes zu der Kulisse für ambitionierte junge Musiker aus ganz Europa geworden. Zum 25. Geburtstag blicken die Geschäftsführerin Julia Wartmann und Gründer Dieter Herker auf ihr „Baby“ zurück und schalten für die Zukunft noch einen Gang nach oben.

„… und die Sieger sind…“, sobald dieser Satz fällt, löst sich die Anspannung vor und hinter den Kulissen. Das Publikum feiert frenetisch die besten Bands des Landes, das Team ein ganzes Jahr voller spannender Wettbewerbe mit mehr als 1500 unterschiedlichsten Bands. Das jeden November anstehende Bundesfinale im Kulturhaus von Salzwedel ist für Julia Wartmann und ihre Mannschaft der Höhepunkt zwölfmonatiger Anstrengungen. Seit gut einem Jahr steht die junge Musikwissenschaftlerin an der Spitze von local heroes. Den Staffelstab hat sie nach 25 Jahren von local heroes-Urgestein Dieter Herker übernommen, der ihr nach wie vor mit Rat und Tat zur Seite steht.

Vor einem Vierteljahrhundert hat Herker den Wettbewerb gemeinsam mit einer kleinen Runde Musikfrunden sprichwörtlich aus dem Boden gestampft. Die damals herrschende Euphorie während eines gelungenen Konzertabends ist bis heute geblieben. Das vehemente Rühren der Werbetrommel und das manchmal recht mühsame Anbringen unzähliger Plakate haben sich seit den 1990igern ebenfalls kaum verändert. Alles andere aber schon…

Aller Anfang ist klein: local heroes startet mit 20 Bands

Von einem bundesweiten Contest und sogar darüber hinaus, wie er heute gelebt wird, waren die Verantwortlichen Lichtjahre entfernt. Der Fokus lag auf der aktuellen Situation vor Ort. Mit Rock, Pop, Jazz und Punk bewegten sich die jungen Leute abseits von Volk- und Marschmusik, aber damit leider auch jenseits von jeglicher öffentlichen Förderung. Denn diese hatten für solche Anliegen „nicht einmal einen feuchten Händedruck“ übrig, so heißt es zumindest in einer Dokumentation zum ersten local heroes-Wettbewerb. Das musste sich ändern.

„Unmittelbar nach der Grenzöffnung traf ich auf liebe Kollegen vom Jugendclub-Hanseat und vom Klubhaus der Erdgasarbeiter Wilhelm Pieck, dem heutigen Kulturhaus Salzwedel, jenseits der damaligen deutsch-deutschen Grenze in Salzwedel/Altmark“, erinnert sich Dieter Herker. „1990 verabredeten wir, gemeinsam mit einer Musikinitiative aus dem angrenzenden Landkreis Uelzen, jungen Talenten der Region eine Plattform zu geben, sie zu fördern und Jugendliche aus Ost und West miteinander bekannt zu machen.“

(Foto: Christoph Eisenmenger)

Gesagt, getan: Der Startschuss fiel mit den drei Kreisen Uelzen, Altmarkkreis Salzwedel und Lüchow-Dannenberg. Unter dem Titel „Tri-gionaler Musikwettbewerb“ fanden sich 16 teilnehmende Bands und zwei Solointerpreten zusammen. Beworben hatten sich die jungen Leute nicht etwa über ein Online-System, sondern handschriftlich und mit beigefügter Kassette. Für viele bot sich mit dem „Wettbewerb für Amateurmusiker“ erstmals eine Gelegenheit, aus den eigenen Probenräumen emporzusteigen und sich live vor einem Publikum zu präsentieren. Nach einem halben Jahr Vorbereitungszeit fanden vom 28. bis 30. Juni 1991 die Vorausscheide im Hanseat in Salzwedel, im Café Grenzbereich in Platenlaase und in der Musikgalerie in Uelzen statt. Je zwei Bands von dort durften am Ende beim Finale in Salzwedel antreten.

Die Maxime, Fachjury und Publikum gleichermaßen in die Entscheidung über den Gesamtsieg einzubeziehen, gab es übrigens schon damals. Die gut 1500 Fans im Park des Friedens ließen die Organisatoren bereits zu jener Zeit via Abstimmung auf ihren Eintrittskarten wissen, wer ihr Favorit ist. In der Endausscheidung Nummer eins fiel jedoch die Jury wesentlich kleiner als heute aus. Ein Musikpädagoge, ein Rundfunk-Journalist, ein Musikkritiker, ein Musiker und je ein Veranstalter haben über die Qualität der Darbietung zu entscheiden.

„Sonderzug aus Pankow“: local heroes auf der Überholspur

Dass die Teilnehmer allesamt ordentlich Biss hatten, steht auch 25 Jahre später wie in Stein gemeißelt. Denn Gigs um die fünf Stunden mit wenigen Minuten Pause waren nicht selten. Zuvor verliefen viele Proben unter dem Motto: Anhören, Nachspielen, läuft! Ähnlich verhielt es sich auch mit den local heroes-Machern – zumindest im übertragenen Sinn. Denn schon im zweiten Wettbewerbsjahr bekamen sie Anfragen von Musikinitiativen aus umliegenden Landkreisen, ob sie teilnehmen dürften. „Geplant war es nicht, aber wir freuten uns, dass unser Projekt auf Interesse stieß“, schmunzelt Dieter Herker. „Durch Mund-zu-Mund-Propaganda kamen jährlich neue Initiativen und Vereine hinzu. 2001 nahmen bereits Initiativen und Vereine aus fünf Bundesländern teil.“

Für local heroes ging es in den darauffolgenden Jahren Schlag auf Schlag. Zur Jahrtausendwende wurde das Projekt local heroes wegen seiner innovativen Jugendarbeit auf die Weltausstellung Expo nach Hannover eingeladen. „In einem dreistündigen Bühnenprogramm stellten wir die jungen Siegerbands der letzten Jahre vor und demonstrierten in einer Radio-Live-Übertragung mehrerer freien Radios und Offenen Kanäle, was das local heroes-Netzwerk drauf hat“, fasst Herker die wunderbare Gelegenheit für sein Projekt zusammen.

Derlei Erinnerung hat er haufenweise im Gepäck. Sicherlich zu einer der schönsten Begebenheiten gehört jedoch der 3. Oktober 2003, als er als einer der eingeladenen Ehrengäste stellvertretend für das Gesamtprojekt mit Lindenbergs „Sonderzug aus Pankow“, auf der Fahrt nach Magdeburg zur Preisverleihung symbolisch die Mauer durchbrach. „Kurz vor Lindenbergs Auftritt gab’s die Preisverleihung auf dem Domplatz in Magdeburg. Local heroes wurde für sein soziales Engagement mit dem ‚Einheitspreis‘ der Bundeszentrale für politische Bildung ausgezeichnet.“

Stars der Musikszene spenden für local heroes

Auch die Profis wurden mit der Zeit auf local heroes aufmerksam. „Silly“, wohl eine der bekanntesten Bands der DDR, übernahmen schon früh eine Patenschaft. Dabei geblieben ist es bis heute. Ob als Juroren, beim Coaching oder im Rahmen von Studioaufnahmen – die Förderung von local heroes liegt ihnen nach wie vor am Herzen.

Silly (Foto: Bernd Zahn)

2003 gesellte sich Marusha als Patin dazu. Die Djane mit den markanten, grünen Augenbrauen ließ es sich nicht nehmen und nahm auch in der Jury Platz. 2004 gelang dann sogar der Sprung ins europäische Ausland. Erstmals fand der Wettbewerb nun in Österreich statt. Nur zwei Jahre später, 2006, wird eindrucksvoll spür- und greifbar, wie verwurzelt das Projekt mittlerweile war. „Künstler und Musiker spendeten unter anderem Instrumente für eine Internetverlosung zu Gunsten der local heroes“, so Dieter Herker. Was damals zusammenkam, war nicht von Ungefähr: „Rammstein“ ließ eine Goldene Schallplatte springen, die „Kelly Family“ ein Schlagzeug, „4Lyn“ signierte Schlagzeugsticks, „Marusha“ ihre Limited Edition-CDs. Die „Beatsteaks“ gaben verschiedene Utensilien aus ihrem Merchbestand, der Bildhauer Hans Molzberger stiftete ein Zappa-Portrait auf Raku-Platte. Und last but not least signierten auch die langjährigen Paten „Madsen“ ein Schlagzeugbecken für den guten Zweck. „Alles in allem kamen dabei um die 3.500 Euro rum“, freut sich der einstige local heroes-Chef noch heute.

Wer jedoch glaubt, in den vergangenen Jahren sei es ruhiger geworden, der irrt. Bereits seit 2007 erinnert ein eigener local heroes-Zug an die verbindende Wirkung des Projekts. Er verkehrt täglich von Sachsen-Anhalt nach Niedersachsen und verbindet unter anderem die Städte Magdeburg und Wolfsburg. Im Jahr darauf wurde das local heroes schließlich für den LEA / Live Entertainment Award nominiert. Zu den jüngsten Meilensteinen gehören aber vielleicht auch die beiden größten: 2010 fand in Ungarn das erste europäische local heroes-Finale im Rahmen der Feierlichkeiten der „Europäischen Kulturhauptstadt Pécs“ statt. 2011 gab es die erste local heroes Musik- und Medienmesse in Magdeburg.

Special Guest 2008: Madsen (Foto: local heroes Pressematerial)

25 Jahre local heroes: Das ist purer Fokus auf junge Musiker

„Die grundlegendste Errungenschaft von local heroes ist, überhaupt einen Fokus auf junge Musikerinnen und Musiker zu richten“, so das Fazit von Julia Wartmann. „Ich sage es gern mit den Worten von Tom Bohne: Wenn wir junge Talente nicht fördern würden, könnten die angrenzenden Bereiche der Musikwirtschaft nicht existieren. Dann gäbe es zu wenig Musikerinnen und Musiker.“ Das Projekt begleite den Nachwuchs abseits der „knallharten Musikwirtschaft“ – und das bereits über 25 Jahre. „Ich finde es wichtig, ein Zeichen für junge Menschen zu setzen, sie auch mal an die Hand zu nehmen, ihnen ein solches Angebot zu geben und sie zu unterstützen. Denn Musik machen fördert zum einen verschiedenste Kompetenzen, ist zum anderen mitunter allerdings ein kostspieliges Hobby und Auftritte sind rar gesät.“ Local heroes biete den Rahmen sich auszuprobieren, sich für Musik zu begeistern. Wie erfolgreich das laufen kann, das zeigen nicht zuletzt Acts wie „Madsen“, die „Guano Apes“ oder jüngst „Schmutzki“, die den Titel einst gewonnen hätten und sich noch heute damit schmückten.

Bundesfinal-Sieger 2013 – Schmutzki (Foto: Christoph Eisenmenger)

Die Medien- und Musikmanagerin ist begeistert, welch großes Netzwerk über die Zeit entstanden ist. Heute gehörten 14 Bundesländer allein zur deutschen local heroes-Familie. An die 100 Veranstalter, ob professionell oder privat, engagieren sich. „So etwas ist einmalig in Deutschland“, ist sie überzeugt. Nicht müde wird sie zu betonen, welch ehrenamtliches Engagement hinter den Kulissen abläuft. „Man braucht sich hier nichts vormachen. Mit Newcomer-Konzerten ist es schwer, genügend Geld zu verdienen, um alle Mitwirkenden angemessen zu bezahlen. Aber: Man leistet einen immens wichtigen ideellen Beitrag“, stellt Julia Wartmann klar. Die Basisarbeit, die bereits kurz nach der Wende junge Musiker zusammengebracht hat und schließlich auch vom Bundespräsidenten honoriert wurde, hält sie für bahnbrechend. Für die local heroes-Chefin ergeben sich hier ganz klare Parallelen zur Gegenwart und damit auch eine neue Aufgabe. Integrationsarbeit müsse heute nicht nur innerdeutsch, sondern interkulturell geleistet werden.

Oft werde sie gefragt: „Wen habt ihr denn schon so hervorgebracht?“ Darauf reagieren kann sie nur schmunzelnd. Man sei ja kein Label. Es gehe auch nicht um große Vermarktung, sondern darum, den Newcomer auf die Bühne zu bringen und ihnen eine Öffentlichkeit zu geben. Massen-Phänomene wie „Madsen“ oder die „Guano Apes“, die auch aus einem Contest hervorgehen, hält sie persönlich heute für selten. Zu sehr habe sich der Markt in den vergangenen Jahren verändert, die Musiker brauchen ein überzeugtes Label und langen Atem. Die Digitalisierung und damit einhergehende größere Reichweite bringe eine viel größere Fläche für Bands mit sich, auf der sie sich präsentieren könnten. Das Gewicht habe sich mittlerweile eher auf Indie-Bands verschoben, die vielleicht nur bedingt von ihrer Kunst leben könnten. Einen tatsächlichen Kultstatus zu erreichen, wäre momentan jedenfalls ungleich schwerer als zu Beginn von local heroes.

Newcomer heute: Informiert, ambitioniert und mit Biss

Verändert haben sich jedoch nicht nur die Rahmenbedingungen. Auch in den Köpfen der jungen Leute habe sich viel getan, ergänzt Dieter Herker. „Die Nachwuchsmusiker sind zum Teil anders drauf“, ist er überzeugt. Was einst vor allem als Hobby passiert sei, passiere jetzt eher unter dem Gesichtspunkt, sich eventuell auch beruflich in diese Richtung zu orientieren. Dabei gehe es nicht immer direkt um die Musik auf der Bühne mit der aktuellen Band. Sie wüssten auch um das Drumherum: Wie kann man von Kompositionen leben? Welche Möglichkeiten hat ein Studiomusiker oder Produzent? Nicht wenige hätten die Bandbreite schon früh im Auge. Herkers Beobachtung: Aktuelle Newcomer sind teils informierter, ambitionierter und haben – zumindest dahingehend – mehr Biss. Zugute komme ihnen da natürlich auch, dass mittlerweile mehr Produktionsmittel zur Verfügung stünden, die sie auch in den eigenen Händen hielten. Einst bestehende Abhängigkeiten, davon ist er überzeugt, seien abgebaut worden. „Heute gibt es den Typus des Artrepreneurs“, ergänzt Julia Wartmann. Der Künstler selbst rücke ins Zentrum des musikwirtschaftlichen Wertschöpfungsnetzwerks.

local heroes Halbfinale auf der POPKOMM 2007 (Foto: Bernd Zahn)

Nicht zuletzt diese Veränderungen bringen auch für local heroes neue Herausforderungen und Aufgaben mit sich. Seit den Anfangstagen musste sich das Projekt immer wieder selbst kritisch hinterfragen. Das „Lob des Fehlers“, frei nach Reinhard Kahl, habe sich zur Handlungsmaxime entwickelt, so Herker. Denn jeder von ihnen bringe letztlich weiter, als es ein glatter Durchmarsch tun würde. Ecken und Kanten, da ist er sich sicher, machten das Ganze auch aus. Entsprechend viel wurde in 25 Jahren ausprobiert. Sei es in Sachen Jury oder Publikumsbewertung, Organisation und nicht zuletzt Ablauf. Nicht wenige können sich etwa noch an ein Halbfinale im Rahmen der POPKOMM in Berlin vor einigen Jahren erinnern. Andere wünschten sich hingegen eine Art „Wanderschau“ des Bundesfinales, die jedoch leider aus Kostengründen nicht umzusetzen ist. „Unsere Stärke liegt jedoch genau darin. Wir haben nicht das Geld, uns leisten zu können, was wir wollen. Wir sind eigentlich die Profis im Improvisieren“, bringt es Herker auf den Punkt. Genau darin liegt auch der Charme des Wettbewerbs. Auf der einen Seite gibt es professionelle Strukturen. Auf der anderen Seite den Luxus, nach dem Prinzip „try and error“ zu agieren. Ein Projekt, zu dem jeder sein Quäntchen beitragen kann. „Diese Gestaltung ist durchaus bewusst“, betont der ehemalige local heroes-Chef gerade mit Blick auf die Landesveranstalter. „Jeder weiß an seinem Ort, was jeweils Sache ist.“

2016: local heroes ist ein Prädikat

Ein Anliegen will Wartmann jedoch nicht aus der Hand geben. Ihr Ziel: local heroes soll noch mehr in den Köpfen verankert werden. „Unter den Musikern weiß die Mehrheit, was local heroes ist“, beschreibt sie den Status quo. Auch in den Medien sei local heroes ein Prädikat. Beim Publikum sei das noch anders. Die Identifikation laufe oftmals über eine bestimmte Band, nicht über local heroes. Das Bewusstsein dafür, dass es diesen Wettbewerb gebe, fehle. Auf der anderen Seite hat die junge Geschäftsführerin eine weitere Mammutaufgabe zu bewältigen. Langfristig solle sich local heroes über das schon jetzt riesige Netzwerk und nicht allein über den Contest tragen. Schon jetzt lege sie deshalb ihren Schwerpunkt verstärkt auf den Aspekt (Peer-)Coaching, der sich sukzessive auch bei den Landesveranstaltern durchsetzen solle. Natürlich hoffe sie hier auf entsprechende bundesweite Förderungen, um diesen dann auch finanziell unter die Arme greifen zu können. Der Grund für solche Maßnahmen liegt für sie auf der Hand: „So etwas hat die größte Nachhaltigkeit.“ Darüber hinaus werde es von den jungen Leuten auch vehement eingefordert. Danach gefragt, was diese am meisten am Nachwuchswettbewerb schätzten, kämen fast immer die gleichen Antworten: die familiäre Atmosphäre, das gute und ehrliche Feedback der Jury und Coaches und das Essen, freut sich Wartmann.

Enemy Jack @ local heroes Bundesfinale 2013 (Foto: Christoph Eisenmenger)

Daneben hat die Julia Wartmann einen großen Wunsch. Wissenschaft und Praxis passen ihrer Ansicht nach hervorragend zusammen und sollen entsprechend stärker zusammenfinden. Das Netzwerk solle künftig mehr als eine Art Lobby genutzt werden. Das Ziel sei es, das vorhandene immense Wissen auch zu strukturieren. „Ich würde mich freuen, wenn local heroes auch Ansprechpartner wird, wenn es etwa darum geht, wissenschaftliche Fragen zu klären oder zu erfahren, was sich junge Musikliebhaberinnen und -liebhaber aus der Basis heraus wünschen.“ Ein erster Schritt ist getan. Seit Juni 2016 ist local heroes Teil des bundesweiten Fellow-Netzwerks des Kompetenzzentrums für Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes. Hier werden kulturpolitisch relevante Fragen diskutiert und die öffentliche Wahrnehmung für diesen Wirtschaftsbereich gestärkt. Insgesamt 100 Organisationen aus der Bundesrepublik wurden hierzu berufen.

Videos, Bilder und Konzerte: local heroes feiert ausgiebig

Zunächst steht jetzt aber erst einmal das Feiern im Vordergrund. Ab dem 28. Juni, also dem Datum des allerersten Vorausscheids, steht local heroes bis zum aktuellen Bundesfinale am 5. November ganz im Zeichen des 25. Geburtstags. „Schon im Vorfeld wurden unzählige Gespräche mit Unterstützern geführt, die ihre Geschichten zu 25 Jahren local heroes erzählt haben“, berichtet die local heroes-Chefin. Dazu werden mehrere Videos mit Geburtstagsgrüßen und den jeweiligen Stories erscheinen. Obendrein steht eine Geburtstagsparty an der Geburtsstätte in Platenlaase an. „Ich habe getrommelt und tatsächlich einen Teil der Bands von damals erreicht. Ich werde versuchen, so viele von ihnen wie möglich am 5. August auf die Bühne im Café Grenzbereich zu bringen“, berichtet Dieter Herker. Die ersten Sieger „Jesse James & the perfumed people“, das stehe schon fest, würden sogar in Originalbesetzung antreten. Dem nicht genug, steht auch eine Ausstellung zum Jubiläum in den Startlöchern. Eröffnet wird diese im Landtag von Sachsen-Anhalt. Danach sollen die Bilder, Videos und Exponate auf Wanderschaft gehen – und das am besten über die nächsten Jahre. „Wir feiern bis zum 30. einfach durch!“

Text: Nicole Oppelt