Archiv für Juni 2018

Lutzi 2018: Das war Liebe, Liebe, Liebe

Die neunte Ausgabe des „und ab geht die Lutzi“-Festivals in Rottershausen ließ die Herzen höher schlagen

Feiern bis in die Morgenstunden: Die „Lutzi“ ist für viele Musikfans ein fester Termin im Jahreskalender geworden. (Foto: Lukas Veth)

Dieses Wochenende muss man erstmal sacken lassen. Nicht nur Petrus sorgte in den vergangenen zwei Tagen für ein ordentliches „Wechselbad“. Auch die Künstler und Besucher des „und ab geht die Lutzi“ im Landkreis Bad Kissingen trugen sich quasi gegenseitig von einem Freudentaumel zum nächsten. Musikauswahl, Platzgestaltung und Angebot stimmten – das war in ihren Gesichtern deutlich abzulesen. Rund 8500 Menschen feierten mit Acts wie Kellerkommando, Heisskalt, Royal Republic, Olli Banjo, Chefboss und vielen, vielen mehr ein friedliches Fest, das 2019 zum großen Jubiläum ansetzt.

Bäm! Diese „Lutzi“ ging im wahrsten Sinne des Wortes mit einem doppelten Paukenschlag zu Ende. Royal Republic, die „königlichen Schweinerocker aus Malmö“, holten auf der Hauptbühne am späten Samstagabend noch einmal alles aus dem Publikum heraus. In goldenem Pailletten-Jackett, mit perfekt sitzender Friese und voller Adrenalin lud die wohl „tanzbarste Rock-Formation der Neuzeit“ zum mitternächtlichen „Workout“, das sowohl vor als auch hinter der Bühne mit vollem Körpereinsatz absolviert wurde.

Als Headlider des „ab geht die Lutzi“-Festivals lieferten Royal Republic am Samstagabend ein standesgemäßes „königliches Gewitter“ ab. (Foto: RE ON TOUR)

Doch wer meinte, nach dieser schweißtreibenden Angelegenheit wäre die neunte „Lutzi“ vorbei, der wurde um kurz vor ein Uhr morgens auf der Zeltbühne eines Besseren belehrt. Die Hamburger Mädels von Chefboss schossen mit ihrer Dancehall-Crew die wohl energiereichsten „Blitze aus Gold“ in die Menge, die dieses Festival bis dato erlebt hat. „Wenn Chefboss nicht durch feuerpolizeiliche Bestimmungen oder sonstige Beschränkungen im Club zurückgehalten werden, geht es bei ihnen ums Maximale: Konfettikanone, Bühnennebel und am liebsten so viele Tänzer, wie auf die Bühne passen“, wurden Alice Martin, Maike Mohr und ihre Gang angekündigt. Und das war – Hand aufs Herz – die Untertreibung des Jahrhunderts!

Mit Chefboss auf der Zeltbühne konnte sich das „Lutzi“-Publikum zu Recht wie die „Könige der Nacht“ fühlen. (Foto: RE ON TOUR)

„Schunkeln für den Weltfrieden“

Doch von vorne: Denn „sportlich“ ging es bereits am Freitag in Rottershausen zu. Kellerkommando aus Bamberg sorgten für den ersten „Abriss“ 2018. Tango, Walzer, Ruderclub – bei so viel Einsatz entfuhr manchem der Zuschauer sicherlich ein ordentliches „Dunnerkeil!“. Die Musikusse um Frontmann David „Dada Windschi“ Saam versorgten die Menge nach 2015 bereits zum zweiten Mal mit einer atemberaubenden Mixtur aus urbanen Beats, Rap und Volksmusik. Das Ergebnis fiel entsprechend aus: „Schunkeln für den Weltfrieden“ könnte nun endgültig zu den Lieblingsbeschäftigungen von Jung und etwas Älter gehören. Und das nicht nur in und um Rottershausen.

In dieser Band herrscht eine tolle Energie: Kellerkommando wollten ihren Auftritt von 2015 toppen – gelungen ist das mit Bravour. (Foto: Lukas Veth)

Kellerkommando traten die Reise ins Unterfränkische übrigens top motiviert an. „Uns hat es damals sehr gut gefallen“, erinnert sich David an den „Lutzi-Einstand“ vor drei Jahren zurück. Zwei Jahre hatte Kellerkommando zuletzt pausiert. Nun wieder mit ein paar schönen Festivals „einzusteigen“, könnte schöner nicht sein. „Ich finde es toll, dass hier offensichtlich das ganze Dorf mitmacht und alle zusammenhelfen, damit hier was los ist“, lobt er den besonderen Einsatz im ländlichen Raum. Bassist Sebastian teilt die „guten Erinnerungen“ seines Bandkollegen. Gerade in der Zeit nach dem ersten „Lutzi“-Auftritt sei immens viel passiert, so sein Resümee. So trugen die Bamberger die fränkische Lebensfreude im vergangenen September sogar bis in die Ukraine, wo sie auf Einladung des Goethe-Institut Ukraine hin das deutsch-ukrainische Sprachenjahr in Kiew eröffneten.

Auf der „Lutzi“ überraschten sie das Publikum nicht nur in neuer Konstellation, sondern vor allem mit einer Reihe neuer Songs. „Diese gab es zum Teil noch nirgendwo zu hören“, schmunzelt Sebastian. Zur „Feier des Tages“ wurde die Fangemeinde außerdem mit der Veröffentlichung der aktuellen Single „Affenstall“ samt Video beglückt. „Damit uns auch die Leute außerhalb von Franken verstehen“, so Sebastian, „gibt es auch eine Hochdeutsche Übersetzung.“

Ausgelassen und friedlich feiern ist auf der „Lutzi“ Programm.“ (Foto: Lukas Veth)

Intime Momente auf dem Campingplatz

So viel Herzblut muss gefeiert werden. Das dachten sich wohl auch die Punkrocker von Minipax aus Landshut. Die selbsternannten „Minister des Friedens“ hatten der „Lutzi“ nicht nur ihr kürzlich erschienenes Debütalbum „LiebeHassFriedenKrieg“ mitgebracht, sondern auch eine wunderbare „Eingebung“, die sie bereits am Samstagnachmittag mit ihren Instrumenten auf das Campingareal zog. Die Aktion kam nicht von Ungefähr, wie Sänger Niki später verriet. „Wir spielen gerne akustisch. Nebenbei machen wir auch immer mal wieder eine Unplugged-Show.“ Wenn man schon relativ viel auf Festivals unterwegs sei, biete es sich natürlich an, den Zeltplatz zu erkunden. „Wenn wir Bock haben, dann machen wir das“, so Niki weiter, schließlich gebe es keine bessere Promo, als nah an den Menschen dran zu sein.

Sie verbreiteten Liebe: Minipax versüßten den „Lutzi“-Besuchern den Samstagnachmittag mit akustischen Einlagen. „So schöne mehrstimmige Gesänge hatten wir schon lange nicht mehr“, schwärmt Sänger Niki. (Foto: RE ON TOUR)

Gezeigt haben sich Minipax an diesem Nachmittag nicht nur von einer unverstärkten Seite. Auch das Set unterschied sich von dem des Abends. „Wir haben vereinzelt Songs gespielt, die wir auf der Bühne nicht spielen werden“, erklärt der Sänger weiter. Die Mixtur mit Herz beinhaltete, neben alten Nummern der Band, auch alte Akustiksongs des Frontmanns, der noch ein eigenes, kleines Soloprojekt betreibt. „Akustisch kommen die Songs in einem völlig neuen Gewand“, schwärmt Niki vom offensichtlich Kontrast zum Punkrock-Style auf der Bühne. Und gesteht: „Insgeheim sind wir ja kleine Popper, die auf schöne Melodien und mehrstimmigen Gesang stehen. Akustisch kann man das nochmal besser rüberbringen.“ Das „Lutzi“-Campingpublikum war hier offenbar völlig bei ihnen. Gesungen wurde aus voller Kehle – Mehrstimmigkeit, ganz zur Freude von Minipax, inklusive.

„Wir gehen verliebt…“

Ihre „Lutzi“-Premiere werden Minipax wohl in bester Erinnerung behalten. Schon die Anfrage sei ein Highlight gewesen, erinnert sich Niki zurück. Schließlich sei die „Lutzi“ als das „kleine, große Festival“ auch in ihrer Heimatregion in aller Munde. Nun seien sie „wie Freunde“ empfangen worden und würden verliebt gehen, so seine Prognose vor dem Auftritt auf der Zeltbühne.

Schon am Nachmittag hatten Minipax auf dem Campingplatz für ihren Auftritt „geworben“. Am Abend bekam das Publikum dann die „verstärkte“ Ladung. (Foto: RE ON TOUR)

Der richtige Style

Bevor es soweit war, hatte sich Niki, der selbsternannte „verkappte HipHoper“, auch das 2. Freestyle Battle angesehen. Insgesamt haben die Teilnehmer einen guten Eindruck bei ihm hinterlassen. „Es war kreativ, es war schön. Manche hatten technisch richtig Style“, so sein Fazit. Vor allem die jüngeren, nervösen Kandidaten hätten sich seiner Ansicht nach „sehr gut geschlagen“. Positiv sei ihm auch die Wortwahl aufgefallen, die weniger hart gewesen wäre, als er es sonst gewohnt sei. Als Publikumsjury habe er vorwiegend auf die Spontanität der Teilnehmer geachtet.

Voller Erfolg in Runde zwei: Die zweite Auflage des „Lutzi“-Freestyle-Battles wirkte wie ein echter Publikumsmagnet. (Foto: RE ON TOUR)

Vollends zufrieden zeigte sich auch Battle-Initiator Andreas Röder. Insgesamt acht Teilnehmer aus der Region stellten sich auch in diesem Jahr der Herausforderung und lieferten sich mit ihren Kontrahenten teils harte Wortgefechte. Anders als 2017 durfte diesmal das Publikum über Sieg und Niederlage entscheiden. Und das durfte sich freuen. Denn: „Im Vergleich zum letzten Jahr war das diesmal eine grobe Steigerung. Es gab viel Potenzial“, so das Fazit von Andreas. „Beim Battlen geht es um ‘deine Mudda‘. Man muss versuchen, den anderen möglichst schlecht aussehen zu lassen“, erklärt er noch einmal das Konzept. „Das haben sie alle ganz gut hinbekommen – und zwar ohne viele Schimpfwörter.“ Seiner Meinung nach habe auch das Publikum in seiner Jury-Funktion einen wirklich guten Job gemacht. Es wusste genau, hier geht es um spontanes Vortragen von Texten und nicht um vorbereitete Zeilen. Auch der Respekt voreinander sei großgeschrieben worden, ebenso die Kriterien „Style und Flow“. „Eine gute Line allein, ist zwar geil, aber wenn einer rappen kann, dann ist das natürlich geiler“, ist Andreas überzeugt. Auf Teilnehmer Gusy trafen offenbar all diese Aspekte zu. Der in der regionalen Szene bereits bekannte junge Mann entschied nun zum zweiten Mal das Battle für sich.

Gusy überzeugte beim 2. Freestyle Battle. Der junge Mann gewann den Wettbewerb das zweite Mal in Folge. (Foto: RE ON TOUR)

Regionale Töne gab es auch von den Illustrators, die der „Lutzi“ mit ihrer aktuellen EP „Gap the mind“ im Gepäck eine erneute Visite abstatteten. Seit dem letzten Auftritt in Rottershausen vor zwei Jahren stand für die Vier vor allem Songwriting und Aufnehmen auf dem Programm. Auch ein Video ist inzwischen entstanden. Realisiert wurde das EP-Projekt übrigens via Crowdfunding. Und das sogar ziemlich erfolgreich, wie sie erzählen. Die Aktion sei super gut angekommen und wurde im Gegenzug natürlich entsprechend belohnt. Für die Spender gab es EPs, Privatkonzerte und es wurde sogar gekocht.

„Neuer Stoff aus Hammelburg“: Die Illustrators gehören mittlerweile zu den „Lutzi“-Wiederholungstätern. (Foto: RE ON TOUR)

Die „Lutzi“ ist für das Quartett aber nicht nur Bühne, um die eigene Musik zu präsentieren. Sie sind auch bekennende Fans. Acts wie Milliarden, Royal Republic, Minipax oder auch Heisskalt standen für sie am Festival-Samstag definitiv mit auf dem Programm.

„Wir sind glücklich, mit dem, was wir machen“

Letztere schlugen am Samstag völlig andere Töne an. Heisskalt aus Stuttgart sind in den vergangenen Jahren viel herumgekommen. Die einstigen Zweit-Platzierten des größten deutschen nichtkommerziellen Nachwuchswettbewerbs „local heroes“ (2012) konnten mit ihrer „Eigeninterpretation von Post-Hardcore mit deutschen Texten“ bereits auf diversen großen Festivals begeistern, zuletzt sogar auf Einladung des Goethe-Instituts in Frankreich. Auch mehrere Alben gehen mittlerweile auf das Konto von Mathias, Philipp und Marius. „local heroes“-Projektleiterin Julia Wartmann nennt die Band mittlerweile in einem Atemzug mit Größen wie den den Guano Apes, Madsen und Tokio Hotel.

Mit Erwartungen brechen, Dinge hinterfragen: Das ist die Mission von Heisskalt, die 2018 ein fulminantes „Lutzi“-Debüt feiern durften. (Foto: RE ON TOUR)

Zuletzt überraschten Heisskalt im Mai, als sie ohne Vorankündigung ihr neues Album „Idylle“ veröffentlichen. Die neun Songs entstanden komplett in Eigenregie und ohne Label. „Wir haben uns freigeschwommen von vielen Sachen, die uns angekotzt haben und experimentieren gerade ein wenig herum. Die Kreativität ist auf jeden Fall eine andere“, so das Fazit von Sänger Mathias. „Wir sind glücklich, mit dem, was wir machen.“

Musikalisch sucht das Trio „nach einem bestimmten Gefühl“, das sie natürlich auch dem Publikum mitgeben wollen. Musik machen und auf der Bühne zu stehen, da sind sie sich nach wie vor einig, habe für sie therapeutischen Charakter, sei etwas Heilsames. Hier könne man sich „die Seele auskotzen“. Und das spürte das Publikum auch in Rottershausen – auf diesem „richtig schönen, kleinen Festival“.

Wie gut dieses mittlerweile ankommt, davon zeugte die friedliche Stimmung am vergangenen Wochenende eindrucksvoll. Gemeinsam feiern, Gemeinschaft leben, Jung und Alt miteinander.

„Was für ein grandioser Abriss“, so das Fazit von Olli Banjo. Er brachte am späten Samstagabend die Zeltbühne zum Kochen. (Foto: RE ON TOUR)

Rock, Elektro und Blasmusik gehören zusammen

Wie Samira 21 und Marie-Luise 19, beide aus der Gegend von Bad Neustadt. Die beiden jungen Frauen haben schon viel von der „Lutzi“ gehört, waren nun aber tatsächlich zum allerersten Mal mit dabei. „Es ist cool gemacht“, loben sie im Chor und freuen sich, dass es „hier in der Nähe so etwas Großes gibt“. Das Angebot werde ihrer Meinung nach sehr gut über die Sozialen Medien kommuniziert – und von ihnen auch rege genutzt.
Sie mögen vorwiegend elektronische Musik und zeigten sich begeistert vom Lineup in der E-Box. DJane Anna Reusch gehörte ganz klar zu ihren Top-Favoritinnen. Die beiden entdeckten im Laufe des Festivals aber auch die Hauptbühne für sich. Wie es kam? Ganz einfach! „Fesselnde Rap Parts gepaart mit der ungezähmten Energie einer Rockband“ haben sie überzeugt. Oder mit anderen Worten: Jomo aus Hamburg zog sie mit seinem Sound von draußen direkt vor die Bühne.

„Mega Festival! Da waren wir 2015 auch schon, super gute Leute und immer derbe Acts“, freute sich Jomo auf die „Lutzi 2018“. Mit seiner Band trug er auch diesmal wesentlich dazu bei. (Foto: RE ON TOUR)

Auf der anderen Seite gehörte aber auch der traditionelle Frühschoppen mit Blasmusik sowie das Flunkyball-Turnier ganz klar mit dazu. Bereits am frühen Samstagmorgen hatten die Spirkenländer Blasmusik Rottershausen zum Stelldichein gebeten. Grund genug für zahlreiche Camper, ihre Schlafsäcke zu verlassen und zu zünftigen Klängen den zweiten Festivaltag einzuläuten. Der bereits auf Vortag anschaulich vorgeführte „Ruderclub“ erlebte auf der Zeltplatzwiese eine spontane Neuauflage.

Frühsport at ist best. Die Spirkenländer Blasmusik Rottershausen machte am Samstagmorgen müde Geister wieder munter. (Foto: RE ON TOUR)

Beim „Lutzi“-Flunkyball-Turnier zeigten sich die „Lutzi“-Besucher übrigens ziemlich unerschrocken. Bei tropischen Temperaturen trugen sie das erste Turnier dieser Art in der Festivalgeschichte aus. Die ersten beiden Plätze wurden mit 150 bzw. 100 Euro Biergutscheinen belohnt. Obendrein gab es je ein 20-Liter-Fässchen, gesponsert von Wernecker.

Heißer „fight“ bei brütender Hitze: Das erste Flunkyball-Turnier war ein voller Erfolg. Die Gewinner sind glücklich über ihre Preise. (Foto: LUTZI CREW)

Milliarden aus Berlin, die am Samstagabend auf der Hauptbühne zu erleben waren, bringen es am Ende auf den Punkt: „… das war unreal! Die Kapelle dankt und freut sich aufs nächste Mal!“ Völlig zu Recht, wie ihnen das Publikum sicher attestieren mag. Die Band lieferte eine fantastische Show und kam seinen Fans im Laufe des Abends ganz nah.

Poken, was das Zeug hält: Milliarden-Frontmann Ben Hartmann ging mit dem Publikum auf Tuchfühlung. (Foto: RE ON TOUR)

Auch Montreal, diesmal Maincat am Freitagabend, waren von ihrem zweiten „Lutzi“-Stopp begeistert. Die „sympathischen Gute-Laune-Dienstleister“ ernteten derart tosenden Applaus, dass sie dem Publikum schon jetzt ein Versprechen gaben: „Wir kommen in drei Jahren wieder!“

Nach drei Jahren sind Montreal zurück in Rottershausen und werden mit tosendem Applaus empfangen. (Foto: Lukas Veth)

Genau solche Momente tragen auch das gesamte „Lutzi“-Team. Einmal mehr haben die vielen fleißigen Helfer unter Beweis gestellt, was gemeinschaftliches, ehrenamtliches Engagement bewirken kann. Das Organisationsteam rund um Christian Stahl und Klaus Schmitt dürfte nun erst einmal „durchatmen“. Doch wie schon in den vergangenen Jahren gilt auch jetzt: Nach der „Lutzi“ ist vor der „Lutzi“. Man darf ziemlich gespannt sein, was die „Köpfe“ zum zehnten Geburtstag des Festivals 2019 auf die Beine stellen.

Text: Nicole Oppelt

Liebeserklärung an die menschliche Natur


Die Aschaffenburger Band „The Governors“ begeben sich mit ihrer neuen EP „Apollo“ in sphärische Richtungen

„Men at work“: Zur neuen EP ist nun auch das erste Video erschienen. (Foto: Pressematerial)

Die einstigen „local heroes“-Teilnehmer „The Governors“ haben ihren Weg gemacht. Fünf Jahre nach dem Bundesfinale in Salzwedel sind die Franken einige ordentliche Schritte nach vorne gegangen. Seit Mitte Mai ist nun die jüngste Produktion „Apollo“ auf dem Markt. Und die hat es in sich…


Dieser Auftritt bleibt unvergessen: Christian Staab (Gitarre/Synthie), Steffen Zenglein (Bass/Gesang), Christoph Sauer (Gitarre/Gesang) und Felix Debor (Drums) stehen auf der großen „local heroes“-Bühne in Salzwedel. Als „Landessieger Bayern“ sind die Vier 2013 ins Rennen um die „Beste Nachwuchsband Deutschlands“ gestartet und brachten das Kulturhaus regelrecht zum Kochen. Den Titel haben die jungen Musiker damals leider nicht abgeräumt. Doch dieses Quartett hatte nicht nur bei den Verantwortlichen hinter den Kulissen Eindruck gemacht. Sie waren „angefixt“, blieben am Ball und können heute, fünf Jahre später, auf den nächsten Meilenstein ihrer musikalischen Laufbahn blicken.

Für „The Governors“ und ihr „local heroes Bayern“-Team war der Wettbewerbsjahrgang 2013 eine tolle Zeit. (Foto: Carmen Lenk)

„Der Titel und die Teilnahme am Bundesfinale hat uns definitiv gepusht“, erinnert sich Christian Staab zurück. „Zum einen war es natürlich eine Bestätigung für uns selbst, dass das nicht so falsch ist, was wir tun und zum anderen ist es uns im Anschluss mit dem Titel im Rücken leichter gefallen an größere Gigs, wie etwa mit ‘Juli‘ und ‘Jupiter Jones‘ heranzukommen.“ Den positiven Schwung dieser Zeit hätten sie definitiv genutzt und so ganz „nebenbei“ ihr Studium gerockt, fasst der Gitarrist zusammen.


Religion, Abschied, wissenschaftlicher Fortschritt

Vier Jahre nach der hochgelobten Scheibe „Go Go Dancing“ (2014) melden sich er und seine Bandkollegen nun zurück. „Musikalisch als auch persönlich“ sind sie mittlerweile angekommen, sagen die Vier über ihre neue EP „Apollo“. Bemerkbar mache sich das vor allem in ihren Liedtexten, die sich konsequent weiterentwickelt hätten. Themen wie Religion, Abschied, wissenschaftlicher Fortschritt beschäftigen die einstigen Nachwuchsmusiker – und das nicht ohne Grund.


Die Atmosphäre der „local heroes“-Familie hat „The Governors“ sichtlich inspiriert – vor allem musikalisch. (Foto: Christoph Eisenmenger)

„Wir glauben, dass Liedtexte immer recht gut das repräsentieren, mit was der Künstler sich aktuell befasst, welche Eindrücke er gewinnt und was um ihn herum passiert“, sind sie sich einig. Natürlich seien dies andere Themen, wenn man Anfang 20 und im Studium steckt oder eben Ende 20 sei. Auch das Zeitgeschehen spiele eine Rolle. Hieraus ergebe sich ein Thema wie Religion, „das in den letzten Jahren gefühlt präsenter und kontroverser diskutiert wird“, automatisch. Beleuchtet wird aber auch die „andere Seite“: „Mit dem Thema ‘wissenschaftlicher Fortschritt‘ setzen wir uns in ‘On the Shoulders of Giants‘ auseinander, wobei es hier weniger um den Fortschritt der letzten Jahre – Stichwort ‘Digitalisierung‘ – geht. Vielmehr ist es eine Liebeserklärung an die menschliche Natur, sich immer weiterentwickeln und weiter forschen zu wollen, die sich in der Raumfahrt in besonderer Weise zeigt. Und genau darum geht es in diesem Song.“

Übrigens: Eine besondere Hommage an die Raumfahrt gibt es dort im wahrsten Sinne des Wortes zu hören. Eingeflochten wurden nämlich Ausschnitte aus der so genannten „Moon-Speech“ von John F. Kennedy aus dem Jahr 1962, in der er das Apollo-Programm und das Vorhaben zum Mond fliegen zu wollen ankündigt. Der Titel ihrer EP „Apollo“ war geboren – eine „thematisch perfekte Klammer für die fünf Songs, die sich alle direkt oder indirekt konkret oder abstrakt mit dem Thema ‘Licht‘ befassen“, erklären sie ihre Wahl. Denn: „Apollo ist sowohl der Gott des Lichts als auch der Gott der Künste, insbesondere der Musik. Ein perfekter Fit“, sind „The Governors“ überzeugt.

(Foto: Pressematerial)

Schwere versus Leichtigkeit

Zugegeben, thematisch erscheint das teils durchaus „schwere Kost“. Doch „The Governors“ schaffen es, diesen schmalen Grat zu meistern, ihre Zuhörer nicht zu erdrücken – im Gegenteil. Sie steuern dagegen, mit musikalischer Leichtigkeit und reflektiertem Einsatz ihrer Instrumente. Die so entstandene Mixtur ist ihrer Ansicht nach nur konsequent. „Wir versuchen, durch unsere Instrumentalisierung und unsere Melodien eindrucksstarke Songs zu schaffen. Dass wir dies mit aussagestarken Texten, die bewegen und die sich nicht mit Belanglosigkeiten auseinandersetzen kombinieren, erschien uns als logisch.“

Und wie klingt das? Eingängige, poppige Melodien – für die sind „The Governors“ seit jeher bekannt. Und die haben sie nach wie vor. „Insgesamt haben wir die Gitarren wieder mehr in den Vordergrund gestellt und den Synthi – entgegen des Trends – zurückgeschraubt“, erklärt Christian. „Stattdessen haben wir viel Zeit in Effekte investiert und mit halligen Sounds, Delays und Octavern experimentiert. Es geht also mehr in die sphärische Richtung.“ Das Ergebnis ist vielschichtig. Es bietet Stoff, um mehrmals und genauer hinzuhören.


Haben sich „The Governors“ heute, fünf Jahre nach „local heroes“, neu erfunden? Mitnichten, wie sie selbst sagen. „Wir machen jetzt nicht plötzlich etwas völlig anderes wie früher. Es hat sich eher herauskristallisiert, was genau wir machen wollen.“

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Text: Nicole Oppelt